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0 Autor: Juliane Kehr

Jack White - Fear Of The Dawn

Fear Of The Dawn
  • VÖ: 08.04.2022
  • Label: Third Man/Membran
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 349 - Schönheit der Ausgabe

Jack White kehrt zurück zu bekömmlicheren Songstrukturen. Das ist aber auch schon alles, was das Chamäleon des Rock an Zurückhaltung in petto hat.

Der Vorgänger "Boarding House Reach" war eine verschachtelte Soundstudie, auf die man sich konzentriert einlassen musste. Vier Jahre später hat White so viele neue Songs so unterschiedlicher Couleur gesammelt, dass es für zwei Alben reicht. "Fear Of The Dawn" macht den Auftakt und klingt so wild, angezündet und im besten Sinne effektheischend, als hätte der Gitarrentüftler einen grausam langen Instrumentenentzug hinter sich. Schon mit der ersten Single "Taking Me Back" spielt sich White in einen wahren Riff-Rausch: Eine singende Gitarre schwillt zu einem kernigen, effektgeladenen Intro an, und während der 46-Jährige noch vom On und Off einer Beziehung singt, rutschen gewaltige Gitarren-Slides ab der Hälfte des Songs dazwischen und geben grünes Licht für immer weiter Tempo aufwirbelnden Gitarrenwahnsinn. Jack is back - und er denkt nicht daran, die aufgekratzte, frei wirbelnde Energie zugunsten der Balance in ruhigeren Folgesongs zu binden. So rauschen einem die ersten drei Stücke als One-Man-Show zwischen Led Zeppelin, The Who und tausend anderen Einflüssen, die White wie ein eifriges Kind an Halloween ununterbrochen sammelt, in die Ohren. Erst ab "Hi De Ho" gesellen sich auch Gastmusiker dazu: Mit einer einzelnen Gitarre, die scheinbar ohne klares Ziel von einem Ton zum nächsten stolpert, sirenenhaft untermalt von sich dramatisch aufspannenden Klagegesängen, die an das Intro des White-Stripes-Songs "Conquest" erinnern, schält sich ein HipHop-Beat aus dem Soundnebel. Die HipHop- und Funk-Experimente gab es schon zuvor in Whites Solo-Katalog, doch selten haben sie sich so gut eingefügt wie die lässige Rap-Einlage von A Tribe Called Quests MC Q-Tip. Das Intro des funky Into "The Twilight" leiht sich dann mäandernde Samples der Jazz-Sänger von The Manhattan Transfer aus und öffnet so eine tiefere Ebene zum Metathema Eosophobie, der Angst vor Morgengrauen und Tageslicht. Den Bassgroove steuert ausnahmsweise nicht White selbst bei, zumindest nicht Jack, sondern seine Tochter Scarlett White. "What's The Trick" ist dann ein White-typischer, voranstürmender Garage-Rock-Ohrwurm: "Stomping on a box that I thought was empty, but there was something sharp inside", empört sich White darin im Zwiegespräch mit seiner Gitarre, und wenn nach elf Songs "Shedding The Velvet" mit verträumter Bluesstimmung zu "Entering Heaven Alive" überleitet, dem kommenden, zweiten Album des Jahres, ist man als Hörer mindestens so atemlos wie der vom Sound getriebene White selbst.

Leserbewertung: 6.5/12

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