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0 Autor: Sebastian Berlich

Mastodon - Hushed And Grim

Hushed And Grim
  • VÖ: 29.10.2021
  • Label: Reprise/Warner
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 344 - Schönheit der Ausgabe

Müssen Mastodon sich eigentlich noch beweisen? Anders gefragt: Geht das überhaupt noch? Mit "Hushed And Grim" haben sie jedenfalls ein ambitioniertes Doppelalbum aufgenommen und krönen so zum zweiten Mal eine Phase ihrer Karriere mit einem komplexen Meisterwerk.

Die Luft wird dünner, von Platte zu Platte. So ist das als Ikone, die noch nicht erstarren will. Doch wohin streben, hat man einmal alles von Sludge über Quantenphysik-Prog bis Stoner-Pop durchgespielt? "Hushed And Grim" wächst einfach weiter, übertrumpft seine Vorgänger in Länge, Melodie-seligkeit und Wucht, ohne nach angestrengtem Wettbewerb zu klingen. Stattdessen hören wir eine Band, die zehn Jahre nach den Rock-hors-d'oeuvres auf "The Hunter" (2011) auch diesen Ansatz zur Blüte bringt. Zu dieser Zeit machen sich Mastodon mit kleinen Songs vom großen Anspruch frei, experimentieren und bauen in den nächsten Jahren vor allem ihre Classic-Rock- und auch Pop-Kompetenzen aus. Gerade daher überrascht das punkig-vertrackte "Pushing The Tides" jetzt als erste Single, führt auf eine falsche und eine richtige Fährte: Mit dreieinhalb Minuten als kürzester und wildester Song nicht repräsentativ für den Sound von "Hushed And Grim", spiegelt er aber dessen Vielfalt. Die ähnelt "The Hunter", aber mit der Wirkung von "Crack The Skye": Die Platte erschlägt. Nicht durch einzelne Longtracks, sondern in der Gesamtheit der Songs. Die meisten sind zwischen fünf und sieben Minuten lang, bei 15 Songs macht das rund 90 Minuten - und keine davon ist verzichtbar. Viele Songs geben ihre Geheimnisse nur langsam preis, gerade weil sie zugleich so eingängig wirken. Da sind das in den Strophen versponnene, im Refrain dafür umso majestätischere "Sickle And Peace", "The Beast", in dem Brent Hinds zu twangender Gitarre knatscht, bis es kracht, oder eben die gleich mit Keyboard- und Gitarrensolo gesegnete zweite Single "Teardrinker". Hier glänzt auch Brann Dailors wonnevolle Stimme, die im Zweifel jedem melancholischen Midtempo-Schleicher dieser Platte noch eine große Melodie schenkt. Im Gegensatz zu "Emperor Of Sand" spielt sich "Hushed And Grim", das Cover deutet es an, in Graustufen ab, viele Songs sind zumindest in Phasen getragen, auch der früh eingesetzte Prog-Metal-Treiber "The Crux". Platz ist aber auch für überdrehten Math-Rock ("Peace And Tranquility") und höllischen Viking-Metal ("Savage Lands"), ohne dass sich das Album verliert. Mastodon gelingt es, jeden Song für sich als verschachteltes Juwel anzulegen, mit markanten Solos und eigener Identität, und am Ende doch zu einer Dramaturgie zu finden, die im triumphalen "Gigantium" zu Recht ihren Höhepunkt erreicht.

Leserbewertung: 10.2/12

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