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0 Autor: Jonas Silbermann-Schön

Drug Church - Hygiene

Hygiene
  • VÖ: 11.03.2022
  • Label: Pure Noise/Membran
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 349 - Schönheit der Ausgabe

Drug Church genießen es, die neuen Außenseiter des Hardcore zu sein, und integrieren in ihren unberechenbaren Sound wieder Widersprüchliches wie Grunge, Alternative und Post-Punk.

Schon auf dem Vorgänger "Cheer" (2018) tauchten plötzlich diese Pop-Punk-Hooks und -Melodien mit enormer Durchschlagskraft auf, die hinter dem geradlinigen 90s-Hardcore der ersten beiden Alben kaum zu erahnen waren. Was Drug Church auf der EP "Tawny" (2021) fortführten, erreicht auf "Hygiene" mit unbehaglichen Post-Punk-Riffs, schweren Bassläufen und schrillen Rückkopplungen nun seinen vorläufigen Höhepunkt in Form von zehn fiesen kleinen Songs, die kaum mehr als 26 Minuten brauchen, um zu begeistern. Sänger Patrick Kindlon übt sich zwar bei seiner anderen Band Self Defense Family in mäandernden Sprechgesängen, einen Hang, lange rumzusülzen, kann man ihm bei Drug Church aber nicht unterstellen. Dennoch findet sich auf "Hygiene" mit Zeilen wie "I won't toss away what I love" in "Detective Lieutenant" das erste Liebeslied der Band überhaupt, das nicht nur frühe The Cure beschwört, sondern in dem Kindlon obendrein auch noch croont. Das meint er allerdings mindestens dreifach augenzwinkernd, denn die Platte bietet nicht weniger absurd-zynische Texte als zuvor, die sich immer am Rande des Nervenzusammenbruchs bewegen - aber nie darüber hinaus. Das ist manchmal so irre wie bei Mclusky, nur dass man sich in Kindlons unbequemen Welten selbst wiederfindet. Sei es durch die Metapher für die großen Unbekannten im Leben mittels eines Butterflymesser-Kampfes auf dem Schulhof in "World Impact", die halb-gebrüllte Anti-Nachrichten-Hymne "Million Miles Of Fun" oder in "Detective Lieutenant", wo es darum geht, herauszufinden, wer beim Weihnachtsessen mit der Familie auf Drogen oder schwanger ist. Nick Cogan und Cory Galush quälen dazu ihre Gitarren, die mal jangelig leiern, schräg übersteuern oder in "Tiresome" auch mal nur gnadenlos hämmern. In "Premium Offer" singt dann noch Carina Zachary von Husbandry mit Kindlon ein wunderbar dysfunktionales Duett über falsche Freunde, bevor "Piss & Quiet" zur schnörkellosen Punkrock-Attacke ansetzt und die Revolution in Belarus prophezeit, aber mahnt: "Don't believe a thing/ From the man on stage." Das epische "Athlete On Bench" findet dann genau die richtige Schnittstelle zwischen "Bleach", Leatherface und Hüsker Dü. Das ist immer noch nicht unbedingt zugänglich, aber Drug Church leisten sich keine beliebigen Füllsongs und üben damit genau den süchtig machenden Crossover-Reiz aus, mit dem auch Bands wie Turnstile überzeugen – selbst wenn sie davon wahrscheinlich nichts wissen wollen.

Leserbewertung: 10.0/12

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