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0 Autor: Martin Burger

Årabrot - Who Do You Love

Who Do You Love

Ein Rundgang durch Kjetil Nernes' Hirn, das wäre doch mal was. Phantasmagorisch zum Beispiel. Oder: radikal im besten Sinn.

Seit Nernes' Krebsdiagnose vor vier Jahren und dem folgenden, langwierigen Heilungsprozess sind Årabrot nicht mehr dieselben, weil er nicht mehr derselbe ist. Liefen die irren Alben der Anfangszeit noch über vor experimentellem Rock, Sludge Metal und Post-Punk der räudigen Art, hielt eine gewisse Struktur spätestens zu "The Gospel" (2016) Einkehr – die Single "Tall Man" hatte fast Hitpotential. Weil aufgeräumter Noiserock aber nach wie vor quietscht und Nernes immer noch avantgardistische Literatur wie die des Dichters Lautréamont liebt, spaltet seine Kunst gewohntermaßen die Gemüter: Ist die Interpretation des Spirituals "Sinnerman" eine Hommage an Nina Simone oder ein unerhörtes Sakrileg? Wie auch immer das Urteil ausfällt, "Who Do You Love" kann man als gesunde (oder perverse, je nach dem) Weiterentwicklung von "The Gospel" verstehen. Darauf ging es ums nackte Überleben, inzwischen ist Nernes aber Vater geworden, und das schlägt sich merklich auf seine Texte nieder. Zudem steuert Ehefrau Karin Park, sonst im Synth-Pop unterwegs und nur sporadisch Gast bei Årabrot, das siamesische Doppel "Pygmalion" und "Sons And Daughters" bei: zuerst solo an der Orgel, später als Tim-Burton-eskes Western-Duett. Die „alten Årabrot“ schimmern dafür in "Look Daggers" und "A Sacrifice" durch, während der Auftakt "Maldoror's Love" geradlinig rockt. Sollten Fans deswegen genauso unschlüssig vor "Who Do You Love" stehen wie die Mitglieder unseres Soundchecks, macht das nichts: Es entspräche nur Nernes' Absicht vom Verwirren und Abschrecken. Ein Album wie ein Hieronymus-Bosch-Gemälde.

Bewertung: 10/12
Leserbewertung: 11.0/12

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