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The Breeders - All Nerve

All Nerve
  • VÖ: 02.03.2018
  • Label: 4AD
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 300 - Schönheit der Ausgabe

The Breeders im klassischen Line-up der 90er – wer sich davon jetzt ein zweites "Last Splash" erwartet, hält auch die jüngsten Pixies-Alben für gelungen.

Das Gefühl trügt: Die Breeders sind keine der Bands, die nach knapp 20 Jahren Pause ihr Comeback geben. "Mountain Battles", der Vorgänger zu "All Nerve", ist von 2008. Was "All Nerve" besonders macht, ist die Besetzung: Mit Josephine Wiggs am Bass und Jim Macpherson am Schlagzeug haben die Deal-Schwestern Kim und Kelley die Platte mit dem gleichen Line-up aufgenommen wie "Last Splash", das 2018 25 Jahre alt wird. Bald 60 sind die beiden Deal-Schwestern, ein Alter, das man All Nerve im besten Sinn anhört. Zumeist bewegen sich die Songs der Platte im unteren Midtempo, nur selten zieht das Quartett so wie in der Single" Wait In The Car" das Tempo an. Das verschafft den Songs Luft und stellt Kim Deals brüchige warm-raue Stimme in den Mittelpunkt. Die schwankt immer wieder zwischen Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs und einer Autorität, die sich einstellt, wenn man in gleich zwei entscheidenden Indierock-Bands gespielt hat. Der Opener "Nervous Mary" fällt in die erste Kategorie, das folgende "Wait In The Car" mit der unmissverständlichen Ansage „Wait in the car/ I got business“ in die zweite. Das Pingpong geht weiter: "All Nerve" ist ein herzzerreißendes Stück Verzweiflung, die in Durchhalteparolen umschlägt, "MetaGoth" zitiert den schneidenden Sprechgesang von Anne Clark, musikalisch ist der Song kühler Post-Punk. "Spacewoman" liest sich wie das Gegenstück zu David Bowies "Starman", passt aber besser zu Sandra Bullocks einsamer Reise durch den Orbit in "Gravity" als zu Glamrock. "Walking With A Killer" ist eine morbide Murder Ballad mit unsentimentalem Country-Feeling, während "Howl At The Summit" so herrlich schräg leiert, wie es nur The Breeders können. "Archangelʼs Thunderbird" könnte der lange vermisste Bruder zu "Last Splash" sein, allerdings lässt Kim Deal den Refrain des Songs in der Luft hängen. "Dawn: Making An Effort" nimmt das Tempo endgültig raus und mischt Beatles-artige Backgroundchöre mit Feedbackschleifen, "Skinhead #2" schleppt sich mit letzter Kraft in Richtung erlösendem Chorus, der betont, dass traurige Songs die besseren sind. In "Blues At The Acropolis" rückt Kim Deal ganz nah an einen heran und nimmt einen mit an einen Ort, an dem man zur falschen Zeit ist. Das alles passiert mit größtmöglicher Unaufgeregtheit, die man sich nur erwerben kann, wenn man immer weiter macht – mit der Musik. Sie ist es, die "All Nerve" zu einer viel stärkeren Platte macht als viele der tatsächlich unerwarteten Comebacks der letzten Jahre. Aber die Breeders waren ja auch nie wirklich weg.

Leserbewertung: 9.0/12

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