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1 Autor: Daniel Matuschke

The Thermals - Desperate Ground

Desperate Ground
  • VÖ: 12.04.2013
  • Label: Saddle Creek/Cargo
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 241 - Schönheit der Ausgabe

Die Band, die neben Carrie Brownsteins TV-Parodie Portlandia für den größten Spaß in Amerikas Indie-Hauptstadt sorgt, ist ab sofort auch die Band, die dabei die meisten Leichen vor sich aufstapelt. Desperate Ground hinterlässt Muskelverhärtungen in den Waden und einen Kloß im Hals.

Viel hat sich getan seit "Personal Life". 2012 feiern The Thermals ihren zehnten Geburtstag, anschließend unterschreiben sie bei Saddle Creek und bringen die freundschaftliche Verbindung zwischen Oregon und Nebraska damit aufs Papier. Wichtiger für den weiteren Weg der Band ist aber, dass den drei Musikern jemand mächtig auf die Füße getreten hat. Was sie zu sagen haben, war schon immer wert, gehört zu werden. Die Art, wie sie ihre Botschaften vermitteln, war allerdings schon lange nicht mehr so kompromisslos wie heute. "I was born to kill/ I was made to slay", lauten Hutch Harris' erste Worte auf dem sechsten Thermals-Album. "Born To Kill" startet als wummernder Punksong und schaltet aus dem Leerlauf direkt in den dritten Gang. Die Band verbindet ihren Homerecording-Ansatz von vor zehn Jahren mit einem Teilgedanken des 2006er Albums "The Body, The Blood, The Machine". Dessen "I Might Need You To Kill" dient als Konzeptvorlage für die 26 Minuten von "Desperate Ground". Harris, Bassistin Kathy Foster und Schlagzeuger Westin Glass geht es dabei aber weniger um das Blut als um die "Full Metal Jacket"-Momente des Tötens – die unausweichlichen Voraussetzungen, die dazu führen. Die Produktion erfüllt Thermals-Standards und arbeitet gekonnt gegen den Sound. "Desperate Ground" ist laut und schlau, es klingt, als läge eine zentimeterdicke Schmutzschicht auf den Instrumenten und den Mikrofonen. Für die Stimmung der Platte wäre nichts anderes denkbar. Die Songs fühlen sich an wie das dumpfe Dröhnen einer entfernten Explosion. "You Will Be Free" legt extra viel Verzerrung über Harris' Stimme, später in "I Go Alone" ist von seiner Wut nur noch die Angst übrig. "Each night I dream of a war/ Each one worse than the one before". "Where I Stand" wird zur Neuverteilung der Rollen. Zwischen den Ausbrüchen empfiehlt sich Foster als Aushilfs-Anführerin und lässt ihren Basslauf dabei charmant wie eine Aufwärmübung aussehen. Die Thermals haben ein widerspenstiges Album geschrieben, das sie bei all ihrem Tatendrang auch an einem Stück eingespielt haben könnten. Sicher ist: Wenn am Ende von "Our Love Survives" alle tot sind und Harris zum Transistor-Sound der Gitarren vom Rednerpult der eigenen Beerdigung blickt, bleibt davor niemand einfach andächtig stehen. Denn "Desperate Ground" ist mindestens genauso tanzbar wie bedrückend.

Leserbewertung: 9.1/12

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Kommentare (1)

Avatar von bigmischa bigmischa 13.04.2013 | 09:51

Mein erster Gedanke als langjähriger The Thermals Fan:
"Was ist denn das für ein unerträgliches Soundgematsche?"
Das Album und die Songs sind super, daran gibt es nichts auszusetzen.
Woran es allerdings etwas auszusetzen gibt, ist die matschige Produktion. Gut, The Thermals waren schon immer Lo-Fi. Die ersten Alben haben noch schwer nach analoger Aufnahme in der heimischen Garage geklungen was noch einen gewissen Charme hatte. Es muss ja nicht immer alles perfekt herausproduziert und digital kaputtkomprimiert sein, aber den Soundmatsch der einem hier vorgesetzt wird ist wirklich unter aller Kanone. Als ich das Album das erste mal auf der Wohnzimmeranlage gestartet hatte, konnte ich nicht umhin um zu prüfen ob nicht vielleicht meine Hochtöner ausgefallen sind oder jemand den Equalizer am Verstärker verstellt hat. Versteht mich nicht falsch, ich bin großer Fan der alten Thermals Alben und auch des straighten Sounds. Kommt bei diesen Alben doch immer irgendwie das Gefühl auf, direkt im Übungsraum mit der Band zu stehen, in dessen Mitte das Mikro steht über den das Album direkt abgegriffen wird. Doch der Sound von "Desperate Ground" erinnert eher daran als würde man mit billigen Ohropax oder zerknülltem Taschentuch in den Ohren auf einem Konzert stehen. Details wie Becken, die gerade bei The Thermals einen großen Anteil am Drive und Tempo der Songs haben matschen im Hintergrund aufgrund der fehlenden Höhen zu einem undifferenzierbaren Soundbrei zusammen, was das ganze fast unhörbar macht. An den miserablen Sound habe ich mich selbst nach der fünften Rotation noch nicht gewöhnt, obwohl die Songs eigentlich alle so gut sind, dass man der Platte doch noch einen weiteren Durchgang gönnt. Lo-Fi-Sound ist eine Sache, wenn er aus den richtigen, ehrlichen Gründen entsteht (kein großes Studio, DIY Equipment...), aber das hier klingt als wäre das Ganze in einem guten Studio aufgenommen worden und man wollte in der Postproduktion irgendwie etwas Garagensound erzeugen und hat dann aus lauter Verzweiflung einfach die Höhen herausgedreht. Lo-Fi ist ok, aber das hier ist schon No-Fi...
Sehr, sehr schade, das Album hätte eigentlich etwas besseres verdient...

Sehr verwunderlich ist dies vor allem, weil die Songs die von der Band vorher offiziell im Netz als Stream bereitgestellt wurden wesentlich besser geklungen haben.

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