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Red Hot Chili Peppers - I'm With You

I'm With You

Dennis Plauk hat es gleich doppelt erwischt: Erst verhinderten Termin-Engpässe, dass er seine Lieblingsband zum Interview trifft, dann verhinderten Sicherheitsmaßnahmen des Labels, dass er das neue Red-Hot-Chili-Peppers-Album "I’m With You" rechtzeitig zur Besprechung für die letzte Ausgabe ausgiebig hören konnte. Eine überhastete Rezension auf Basis unpersönlicher Listening Sessions wollte er anderen Magazinen überlassen, stattdessen hat er einen Monat lang aufgeschrieben, wie er sich die Platte als Fan erschlossen hat.

Das erste Bisschen
15. Juli. "The Adventures Of Rain Dance Maggie" ist geleakt. Drei Tage früher als geplant steht die Vorabsingle im Netz. Hat sich was mit Online-Weltpremiere auf der extra dafür erstellten Website. Das ganze Tamtam wäre aber wohl eh etwas zu dick aufgetragen gewesen, denn der Song – immerhin der erste Peppers-Song seit John Frusciantes Ausstieg, oder auch: der erste Peppers-Song ohne Frusciante seit 15 Jahren – entpuppt sich als spektakulär unspektakulär. Netter Funkbass, trockene Snare, wabernde Wavegitarren (von Klinghoffer; könnten auch von Frusciante sein), darüber die übliche Nonsenslyrik von Kiedis. Man schätzt das ja eigentlich. Trotzdem: Der Refrain hält nicht das Versprechen, das die Strophe gibt. Irgendwie kommt der Song nicht richtig aus sich raus. "Hey now, we’ve got to make it rain somehow." Hat der mal aus dem Fenster geguckt? Es regnet längst, wie jeden Tag. Scheißsommer. Scheißlaune. Muss dringend besser werden – wie übrigens auch das neue Peppers-Album.

Das erste Mal
26. August. Pitone im Nachbarbüro hat "I’m With You" schon vorgestern als "iTunes-Exklusiv-Stream" (oder so ähnlich) gehört. Seine übersteuerten Computerboxen haben den ganzen Flur beschallt. Auf so einen Kram hatte ich keine Lust. Habe die Tür geschlossen und hatte Ruhe. Jetzt, zwei Tage später, halte ich die CD in Händen. Schickes schlichtes Digipak, das Cover von Damian Hirst bleibt ein eigenartiges Peppers-Cover. Erster Song, "Monarchy Of Roses". 45 Sekunden Radau, dann ist plötzlich Disco. Wenn er seine Gitarre durch die Verzerrer schickt, klingt Frusciantes Nachfolger Josh Klinghoffer ein bisschen wie Frusciantes Vorgänger Dave Navarro. "One Hot Minute" war ein unterschätztes Album. Dieses hier geht immerhin gut los. Song zwei, "Factory Of Faith". Noch mehr Disco, steht ihnen aber gut. "Brendan’s Death Song". Die Peppers werden älter, ständig sterben ihnen Freunde weg, und sie müssen drüber singen. Auf "By The Way" war es Kiedis' Drogentherapeutin ("Venice Queen"), auf "Stadium Arcadium" Fleas Hund ("Death Of A Martian"), nun hat die Band ihren frühen Förderer und Biografen Brendan Mullen verloren. Stimmungsvoller Song. Trauerballaden konnten sie überhaupt schon immer gut. "Ethiopia". Derbe groovendes Stück mit dezent verschlepptem Rhythmus und sofort zündendem Refrain. Fleas Reisemitbringsel aus Afrika. Sollte er öfter hin. "Annie Wants A Baby". Eher eine Fingerübung. "Look Around". Clap your hands say yeah. "Rain Dance Maggie". Funktioniert im Albumkontext besser, würde aber am besten als Single-B-Seite funktionieren. "Did I Let You Know". Tolle Gitarrenfigur, tolles Trompeten-Intermezzo. Aber wer ist die Frau, die im Hintergrund "Take me home" singt? "Goodbye Hooray". In der Stophe hyperaktiver Funkpunk, im Refrain melodieverliebter Westcoast-Rock. Oldschool-Peppers vs. Newschool-Peppers. "Happiness Loves Company". Ein Klavier, ein Klavier! "Police Station". Klinghoffer hat zweifellos die harte Harmoniegesangsschule bei seinem Freund Frusciante durchlaufen. Guter Freund, guter Lehrer, großartiges Stück. Eine untriefige, kraftvolle, mitreißende Halbballade, wie man sie nicht vielen Bands neben den Peppers zutraut. "Even You Brutus?" Ein Klavier, ein Klavier! Und Stakkato-Raps von Kiedis. Und giftige Wah-Wah-Gitarren. Danach wieder so ein Wahnsinnsrefrain. Was man kann, kann man. "Meet Me At The Corner". Vielleicht hätte die Platte nach dem letzten Song zu Ende sein sollen. "Dance, Dance, Dance". Die Platte hätte nach dem vorletzten Song zu Ende sein sollen.

Das ersten Mal mit Kopfhörer
28. August. Hätte ich besser gleich so machen sollen. "I’m With You" ist die reinste Fundgrube für Menschen, die gerne auf Klangdetails und Overdub-Sperenzchen achten. Das kann man zum Großteil sicher Klinghoffer zuschreiben. Ein Studionerd, ein Effektesammler, ein Sound-Archivar. Kein Wunder, dass er und Frusciante beste Freunde geworden sind. Wahrscheinlich hat man das schon zu vielen Platten erzählt, aber die hier klingt wirklich anders über ein gutes Paar Kopfhörer. Bin gespannt, was die Vinylversion kann, die im Oktober erscheint.

Das erste Mal live
30. August. Auf dem Weg zum Kölner E-Werk, wo die Chili Peppers heute erstmals mit den neuen Songs auftreten und sich dabei zwecks Live-Übertragung in 39 Länder filmen lassen, hängen die gleichen Werbeplakate wie überall. "Red Hot Chili Peppers – die neue CD!" Nicht "das neue Album", nicht "I’m With You", sondern: "die neue CD". So sprechen Leute, die das Wort Musik auf der ersten Silbe betonen und auch sonst komisch reden: "Hast du schon die neue CD von den, Dings, den, wieheißensenoch, Red Hot Chili Peppers?" Gelegenheitshörer. Schönwetterfans. Drinnen im E-Werk warten zum Glück vorwiegend andere Leute. Leute, die sich seit Nachmittag vor verschlossenen Clubtüren die Beine in den Bauch gestanden haben, um hinterher einen guten Platz zu ergattern. Links vor Flea, mittig vor Kiedis oder rechts vor Klinghoffer, der von den Fans so wohlwollend empfangen wie skeptisch beobachtet wird. Lässt ihn aber offenbar kalt. In weiten schwarzen Klamotten steht der Schlacks auf der Bühne, noch ein bisschen schüchtern und ergeben, aber doch standfest. Die Musik kommt seiner Unaufdringlichkeit entgegen: "I’m With You" ist kein Gitarrenalbum geworden, eher schon ein Bassalbum, auf dem sich Flea nach Lust und Laune austobt. Klinghoffer agiert also fürs erste aus sicherer Distanz – nur einmal, in "Did I Let You Know", fällt Kiedis’ Mikro aus, wodurch der junge Gitarrist neben ihm zum alleinigen Sänger wird. Hätte sich auch diese Frage geklärt: Die Frau, die im Hintergrund des Songs singt, ist keine Frau, sondern ein Mann mit femininer Stimme. Josh Klinghoffer.

Das letzte Mal vor Textabgabe
16. September. Alles halb so schlimm am Schluss. Die Peppers haben mit John Frusciante ihr Genie, aber nicht alle Genialität verloren. Nötig war sein Ausstieg nicht, wenigstens nicht aus musikalischen Gründen; wenn Kiedis es trotzdem so darstellt, spricht daraus eher verletzter Stolz als Überzeugung. Fest steht aber auch, dass Josh Klinghoffer das Beste ist, was der Band nach Frusciante passieren konnte. Er ist seinem Vorgänger ähnlich genug, um sich in der Musik der Chili Peppers schnell wiederzufinden, und unähnlich genug, um sie an den entscheidenden Stellen weiterzuentwickeln. Auf "I’m With You" hat das meistens, nicht immer geklappt. Es ist nicht das erste Peppers-Album, dem es gut getan hätte, drei oder vier Songs weniger zu haben. "Annie Wants A Baby" wird in 100 Jahren kein Kunststück mehr, und "Even You Brutus?" hätte den stärkeren Schlusspunkt gesetzt als "Dance, Dance, Dance". Bleiben dann aber immer noch neun bis zehn Songs, die es so richtig in sich haben. Und das kann man über 93 Prozent aller Platten eben nicht sagen. Oder?

Bewertung: 9/12
Leserbewertung: 8.1/12

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Kommentare (1)

Avatar von El Rocko El Rocko 16.11.2011 | 11:34

Das Album ist das Beste seit Californication!!! Flea spielt so fetten Scheis auf dem Bass! Da hab ich echt viel nachzuspielen auf dem Album! ;)

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