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The Weakerthans - Reconstruction Site

Reconstruction Site
  • VÖ: 08.09.2003
  • Label: Epitaph
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 126 - Platte des Monats

Abermals haben die Kanadier aus Winnipeg eine Rock-Offenbarung für sensible Grübler im Gepäck. Und diesmal sollte das eigentlich mehr als eine Handvoll Leute verzaubern.

Ach, die Weakerthans. Wie oft habe ich in den letzten Jahren zu "Left And Leaving", "Pamphleteer" oder "Everything Must Go!" mit Kloß im Hals dagesessen und die Vergänglichkeit allen Seins als körperlich anwesend empfunden. Kein Zweiter kann so etwas derart anrührend in dem Aufbruch verpflichtete und gleichzeitig in wehmütigen Erinnerungen schwelgende Songs flechten wie Teilzeit-Buchverleger John K. Samson. Das Leben als permanente Baustelle, auf der danach immer auch davor meint. Nur verpasste Gelegenheiten, die bleiben. "And darkness comes too early, you won't find the many things you owe these latest dead: a borrowed book, that cheque you didn't sign", heißt es diesmal im minimalistisch-schwebenden, mit allerhand Glocken verzierten Ausklang ("Past-Due"). Oder, mitten im vielschichtig gewebten, straighten Achtel-Rocker "The Reasons": "How the past chews on your shoes, and these memories lick my ear." Literatur? Eben! Das überragend getextete "Plea From A Cat Named Virtute" seziert Allzumenschliches gar aus Sicht einer Hauskatze, die genug hat vom Selbstmitleid ihres Besitzers. Im Direktvergleich zum überragenden Vorgänger ist "Reconstruction Site" dabei ein Stückchen verzerrter, geradliniger ausgefallen, was anfangs eine gewisse Oberflächlichkeit vortäuschen mag. Umso törichter wäre es, dieser wundervollen Platte den so wichtigen zweiten oder dritten Anlauf zu versagen – am besten mit Booklet vor der Nase. Denn wie schon auf "Left And Leaving" entdecken die Weakerthans die (marxistisch angehauchte) politische Dimension im Detail, indem sie sich gekonnt der Melancholie des Alltags widmen. Analog zu "Flaneur" Baudelaire oder den theoretischen Schriften Walter Benjamins manifestiert sich für Samson Geschichte in den kleinen Dingen, im Beiläufigen; im Moment, den es zu beobachten und ins Morgen hinüberzuretten gilt: Man verabschiedet sich konspirativ, während die Kellnerin Stühle zusammen räumt und im Hintergrund ein Oldie-Sender dudelt ("Psalm For The Elks Lodge Last Call"). Man steht in von Kameras bewachten Krankenhauszimmern vor einsamen, sterbenden Freunden (das aus Reverse-Sounds zusammen gebaute Fragment "Hospital Vespers"), imaginiert Fragmentarisches aus der Kindheit (damals, 1972, unter dem Tisch auf die Füße tanzender Erwachsener blickend...) oder liefert mit dem fragilen "One Great City!" ein bittersüßes Portrait der eigenen Heimatstadt. Zwischen Desillusion und zarter Hoffnung fordert Samson im Titeltrack: "Buy me a shiny new machine that runs on lies and gasoline, and all those batteries we stole from smoke-alarms, and disassembles my despair. It never once bought me a drink." Und schließlich, am Ende des nach vorn preschenden "Uncorrected Proofs", inmitten jubilierender Gitarren, scheint sich der Autor selbst zu fragen: "Will your readership complain the stories always end the same? He can't stay and she won't run, and fear is where they're calling from." Kein Stück. Durchs Fenster streichelt das Mondlicht zerfetzte Träume. Nebenan schnauft die Heizung. Ach, die Weakerthans. Danke.

Leserbewertung: 10.3/12

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