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0 Autor: Anke Hügler

Converge - Bloodmoon: I (mit Chelsea Wolfe, Stephen Brodsky & Ben Chisholm)

Bloodmoon: I (mit Chelsea Wolfe, Stephen Brodsky & Ben Chisholm)
  • VÖ: 19.11.2021
  • Label: Epitaph/Indigo
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 345 - Platte des Monats

Düster, aber mit Stil: Wie so manches spannende Projekt lässt sich auch Converges neuste Kooperation auf ein Konzert auf dem Roadburn Festival zurückführen. Mit "Bloodmoon I" beweist der All-Star-Verband nicht nur ein Talent zum Gestaltwandel, sondern auch Ambitionen zur apokalyptischen Großmacht.

Converge sind Weltmeister in Sachen Hass, das bestätigen zum 20-jährigen Jubiläum von "Jane Doe" im September Kritiker:innen und Fans wie aus einem Mund. Im Gegensatz zu vielen anderen im Hardcore verwurzelten Kollegen zelebriert die Band ihre Zerstörungswut allerdings nicht so unbeeindruckt wie eine Abrissbirne - Converges Musik ist zu gleichen Teilen Explosion und Implosion, ihr Chaos eine Collage aus unzähligen Details und Gefühlen. Besonders prominent beweisen das etwa der knapp zwölfminütige "Jane Doe"-Titelsong oder der erhebende "Axe To Fall"-Klassiker "Wretched World". Auf dem 2009 erschienenen Album finden sich einige der vielschichtigsten und bekanntesten Converge-Kooperationen, unter anderem mit Cave In-Frontmann Stephen Brodsky und Neurosis' Steve Von Till. Beide stießen 2016 wieder zur Band, um gemeinsam mit Chelsea Wolfe und Ben Chisholm ein denkwürdiges Cover-Set auf dem Roadburn Festival zu spielen. Was damals mit Neuinterpretation ruhigerer Converge-Songs begann, legte - in leicht reduziertem Line-up ohne Von Till - den Grundstein für ein gemeinsames Studioalbum. Trotz All-Star-Besetzung ist "Bloodmoon I" kein bloßer Ausstellungsraum verdienter Szenegrößen. Unter Anleitung von Gitarrist und Produzent Kurt Ballou wagen sich vielmehr alle Beteiligten mit hörbarem Spaß aus der eigenen Komfortzone - so eingängig wie in der graziösen Gothic-Rock-Hymne "Coil" oder der samtigen Halbballade "Crimson Stone" hat man Converge bis jetzt noch nie gehört. "Flower Moon" bereichert das geschmackvolle Düsterrock-Spektrum des Albums derweil mit einer herrlich dubiosen Bass-Line nebst patentierten Black Sabbath-Dissonanzen - und lässt zudem erahnen, wie sich Type O Negative mit Jerry Cantrell am Mikrofon angehört hätten. Denn auch ein wenig Schmutz dekoriert "Bloodmoon I", im Grusel-Grunge von "Daimon" etwa oder in Gestalt des scheinbar sonnigen "Failure Forever", das sich mit seinem desolaten "Our failures last forever"-Songtext selbst einsargt. Auf "Lord Of Liars" brillieren Converge mit gewalttätigem Gesang und hyperaktiven Leads dagegen auf ihrem umstrittenen Fachgebiet, während spätestens das düstere Sludge-Schwergewicht "Tongues Playing Dead" erklärt, warum die Schlangen auf dem Album-Cover entfernt an Neurosis' "Through Silver In Blood" erinnern. Für "Viscera Of Men" beschwört Chelsea Wolfe derweil das ganze apokalyptische Doom-Unheil ihres "Hiss Spun"-Albums herauf. Besonders der im gewaltigen Titelsong demonstriert, wie spielerisch sich Sängerin und Band ergänzen - etwa, wenn Wolfes Stimme im Duett mit Jacob Bannon vom feinen Wimmern zum glorreichen "Deicide!"-Gebrüll aufbäumt. Selbst wenn der Titel in Verbindung mit dem Closer "Blood Dawn"-Assoziationen mit einer Jugendbuchreihe weckt, bleiben Stilbedenken gänzlich unbegründet. "Bloodmoon I" ist erwachsen im besten Sinne - und ein Lehrstück darüber, wie viel Wucht und faszinierende Eleganz in Musik jenseits von Genregrenzen stecken kann.

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