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0 Autor: Nina Töllner

Torres - Thirstier

Thirstier
  • VÖ: 30.07.2021
  • Label: Merge/Cargo
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 341 - Platte des Monats

Zwischen Pop-Hooks, Grunge-Gitarren und Synthie-Flächen: Auf ihrem fünften Album feiert Songwriterin Mackenzie Scott lyrisch den Überfluss und lässt sich auch beim Sound nicht lumpen. Ein brachiales und flirrendes Hit-Album, das alles will und wenig opfert. Es könnte Torres' großer Wurf werden.

Mit streng zurückgekämmten Haaren, hochgeschlossener, schwarzer Robe und ausgestreckter Hand blickte Macken-zie Scott einem von ihrem 2020er-Album "Silver Tongue" entgegen. Ein Jahr später verdeckt die in roten Farbtönen gemalte Scott ihren Körper mit wenig mehr als einer E-Gitarre. Ein Wechselspiel aus Strenge und Verführung zieht sich wie ein roter Faden durch die Coverartworks der im christlich-konservativen Georgia aufgewachsenen und in New York lebenden Musikerin. Mit "Thirstier", wie schon die Vorgänger "Sprinter" und "Three Futures" mit dem Produzenten Rob Ellis (PJ Harvey, Anna Calvi) in England entstanden, geht die 30-Jährige nun mehr denn je in die Offensive. Das passt zum Kernthema der neuen Platte. „Baby, keep me in your fantasies/ Baby, keep your hands all over me/ The more you look, the more you'll see“, singt Scott im ausladenden Titelsong. Und: „The more of you I drink/ The thirstier I get“. Es geht um Begehren ohne Überdruss, Wunscherfüllung ohne Nachschubprobleme, Fantasien, die keine bleiben müssen.

Nicht nur die von körperlichem Verlangen und anderen Formen der Liebe durchzogenen Texte verströmen mehr Positivität und Wärme als sonst: "Thirstier" klingt größer, gelöster und zugänglicher, ohne dass die Schroffheit und Eigenwilligkeit völlig auf der Strecke bleiben. Es dürfte das Album sein, das Torres ins Mainstream-Bewusstsein befördert. Der Opener "Are You Sleepwalking?" fällt dann auch ohne Umschweife mit fett verzerrten, üppig geschichteten E-Gitarren ins Haus – eine gemächliche, aber ohrwurm-taugliche Grunge-Walze, die immer wieder von flirrender Elektronik in höhere Sphären katapultiert wird. Auch der hymnische Synthierocker "Don't Go Puttin Wishes In My Head" ist wie gemacht für große Festivalbühnen. „From here on out I'm swimming“, verkündet Scott mit ihrem Kirchenchor-geschulten Alt und man sieht sie vor dem geistigen Auge zielstrebig den Horizont ansteuern. "Constant Tomorrowland" ist mit Akustikgitarre und Klatschen überraschend aufgekratzt, nimmt aber immer wieder das Tempo raus, als gelte es, Schwung für die nächste Runde zu holen. Geklatscht wird auch in "Hug From A Dinosaur", das wie eine schlecht gelaunte Version von Weezers "Buddy Holly" anmutet. In "Big Leap" zeigt sich Scott von ihrer verletzlichen Singer/Songwriter-Seite, während sie in "Kiss The Corners" arty Electropop zu clubtauglichem Chillwave schleift.

Ihr Trick bleibt stets die Balance zwischen Anziehung und Herausforderung, Eingängigkeit und Kantigkeit. Torres lässt Pop-Appeal zu, hält ihn aber mit ihrer Ehrfurcht gebietenden Stimme und tonnenschweren Gitarren in Schach. Das Schlussstück "Keep The Devil Out" ist keine Ausnahme: Zwischen atmosphärischem Goth-Pop und heulendem Noise-Rock oszillierend, entlässt sie einen mit einer widerspenstigen Hook und der weisen Erkenntnis: „Everybody wants to go to heaven/ But nobody wants to die to get there“. Mackenzie Scott ist da vermutlich weniger zimperlich. Sie nimmt den Schmerz und die Schönheit.

Leserbewertung: 11.0/12

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