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0 Autor: Ulf Imwiehe

Viagra Boys - Welfare Jazz

Welfare Jazz
  • VÖ: 08.01.2021
  • Label: Year0001/Rough Trade
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 334 - Schönheit der Ausgabe

Egal, was man sich unter diesem Bandnamen musikalisch vorstellt, man liegt wahrscheinlich falsch. Oder eben goldrichtig, wie die genresprengenden Schweden Viagra Boys auch auf ihrem zweiten Album mit Nachdruck beweisen.

Denn wenn eines greifbar ist in diesem Wirbelsturm der vielfach gebrochenen hedonistischen Doppelbödigkeit, der satirischen Selbstanklage und der gleichzeitigen De- und Neumaskierung gestischer Asi-Coolness, dann ist es die Uferlosigkeit. Der so grantige wie verschwitzte Disco-Punk, der bereits das großartige Debüt "Street Worms" zu einem makellosen Feiermanifest machte, bestimmt auch hier weitestgehend die Richtung. Doch wo jenes Album den Exzess feierte, erhebt sich nun der Hangover der Erkenntnis. Kaputt ist, was kaputt macht und nach dem Kater ist vor der Feier. Sänger und Frontmann Sebastian Murphy gibt sich, nein, nicht geläutert. Eher wund geschlagen. Und mindestens noch einmal so ironisch und sleazy, wie man ihn kennt. Der Opener "Ain't Nice" inszeniert den verdrogten Trash-Style zu zerrender Bassline und überhöht und demontiert mackerhaft konnotierte Beziehungsmuster. Gockeln und scheitern sind eins, ebenso wie Prahlerei und Demut. Das dunkle Geschwister dieses schlichten Stompers bildet das grüblerische, fast schon resignierte "Into The Sun", mit sämig torkelndem Tempo, durchzogen von kurzen gleißenden Saxofon-Signalen wie Neonlichter in einer verlorenen Nacht. "Creatures" führt diese unterschiedlichen Elemente dann so elegant zusammen, dass man von einem Schlüsselsong sprechen will: Von Wehmut und Romantik durchwirkt, dabei rau und trotzig, ja, stolz den eigenen Outsider-Status besingend, lässt Murphy sich hier von einem Teppich aus Synthesizern, Beats und kehligem Saxofon immer höher ins Poetische tragen. Nur um beim direkt folgenden, urban-spannungsvollen Disco-Punk-Jazzer und dem Höhepunkt des Albums, "6 Shooter", gänzlich zu verstummen und Raum zu lassen, für eine instrumentale "Starsky And Hutch"-Verfolgungsjagd in fiebriger Großstadt. Paradoxerweise ist es nämlich das größte Kompliment, das man diesem oft ausgestellt breitbeinig croonenden Sänger machen kann, dass seine Präsenz die Musik selbst dann prägt, wenn er schweigt. Bis er dann beim onkelhaften Pub-Rocker "I Feel Alive" doch nochmal den Wifebeater ums Mikro wickelt und in versoffenem Timbre über das Sein und vor allem über den Schein reflektiert. Oder klagt Murphy vielmehr? Da ist sie wieder, diese Uferlosigkeit. Denn in einem straffen Klangbild eine solche Vielzahl an Gleichzeitigkeiten anzudeuten, das ist ganz große Songwriter-Kunst. Fantastisch, abgefuckt und zärtlich grob.

Leserbewertung: 8.3/12

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