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0 Autor: Florian Zandt

Hot Snakes - Jericho Sirens

Jericho Sirens
  • VÖ: 16.03.2018
  • Label: Sub Pop
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 301 - Schönheit der Ausgabe

Gute Freunde kann niemand trennen, nicht mal ein ganzer Kontinent. Es war also eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis die Posthardcore-Zauberer Rick Froberg und John Reis die Sirenen von Jericho aufjaulen lassen und mit dem gleichnamigen Album die Messlatte für garagigen Post-Hardcore wieder ein paar Meter nach oben bugsieren – Zeit wird's.

Klar, Hot Snakes sind von ihrer Gründung 1999 bis zur ersten Auflösung 2005 weder für Reis noch für Froberg mehr als nur ein spaßiges Nebenprojekt. Immerhin ist ersterer bis dahin voll mit Rocket From The Crypt und seinem Label Swami Records beschäftigt, letzterer lebt in New York und verdient dort seine Brötchen mit Grafikdesign. Die 2011 durch Live-Shows beendete Pause allerdings hat dem Quartett auf keinen Fall geschadet. Das Gefühl, dass die zehn Songs in nicht mal 30 Minuten dringend raus mussten, ist auf "Jericho Sirens" jedenfalls allgegenwärtig. Schon die ersten Takte von "I Need A Doctor", das laut Froberg auf einer besonders heiklen Krankschreibung basiert, brennen sich mit hektischen Downstroke-Gitarren und jeder Menge Rock'n'Roll-Swagger ins Sitzfleisch ein. Dazu kommt die knarzige, zwischen hysterischem Gestolper, trockenem Gekeife und stakkatoartig intoniertem Sprechsingsang wabernde Gesangsperformance Frobergs – Pulled Apart By Horses und ihr Kamikaze-Alternative-Punk lassen nicht nur stimmlich grüßen. In "Candid Cameras" hingegen lümmelt sich das um Bassist Gar Wood und die Doppel-Schlagzeugspitze Mario Rubalcaba und Jason Kourkounis ergänzte Duo hinter das Lenkrad des Delorean und führt die Entwicklung der Post-Hardcore-Bastion Drive Like Jehu weiter, als wäre nichts gewesen. Ohnehin ist "Jericho Sirens" ein veritabler Ritt durch die Musikgeschichte: Zwischen Schweinerock, 70er-Punk, Rock'n'Roll, Post-Hardcore, Classic Rock und Noise gibt es kaum ein Rock-Genre, dem das Quartett nicht mit Gusto die Haut abzieht und sich selbst überstreift. Selbst in ruhigeren Momenten wie dem melancholischen "Six Wave Hold-Down", das von pulsierendem Tom-Spiel und schneidenden Telecaster-Melodien getragen wird, oder dem locker aus dem Kniegelenk groovenden Titeltrack spürt man die knirschenden Zähne und die im Hintergrund brodelnde Galle, die Froberg in regelmäßigen Abständen über seine Stimmbänder kippt. Dieses enorm hohe Maß an Anspannung, das nach vermeintlicher Beruhigung durch saubere Melodien direkt wieder durch dissonante Skalpell-Gitarren hochgejazzt wird, halten Froberg, Reis und Co. trotz 14-jähriger Albumpause konsequent bis zum Schluss, wenn sie in "Death Of A Sportsma"n das grausame Ableben des namensgebenden Charakters besingen. Danke, keine weiteren Fragen.

Leserbewertung: 6.5/12

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