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2 Autor: Carsten Sandkämper

Steven Wilson - 4 ½

4 ½

Ein Album auf halbem Weg zwischen dem vierten und fünften. Von Wilson anfänglich als EP geplant, ist "4 ½" am Ende ein eigenständiges Prog-Kleinod, das vor allem seine Band feiert.

Von den Stücken, die in den Studio Sessions zu "The Raven That Refused To Sing" und "Hand.Cannot.Erase" als unbearbeitete Fragmente übriggeblieben sind, weil sie nicht zum jeweiligen Konzept des Albums passten, sind sechs Stücke auf "4 ½" gelandet. Trotzdem geben die Songs mehr als eine disparate Compilation. Der Opener "My Book Of Regrets" etwa ist eine herzergreifende Ergänzung der Geschichte von "Hand.Cannot.Erase", lüftet sein Text doch das Geheimnis um die "Regrets", die auf dem letztjährigen Album als Stücke auftauchten. Es ist konzeptionell beeindruckend, wie der Song zusammen mit dem Finale des Albums, einer Neuaufnahme von Porcupine Trees "Don't Hate Me", eine thematische Klammer bildet. Letzteres singt Wilson erneut, wie auch Songs von "Hand.Cannot.Erase", im Duett mit Ninet Tayib, und auch die jazzige Interpretation durch das Quartett Guthrie Gowan, Marco Minnemann, Nick Beggs und Adam Holzman hebt das Stück auf eine neue Ebene. Überhaupt sind es die langen Instrumentalpassagen der beiden mehr als zehn Minuten langen Songs, die diese Platte zu einem eigenständigen Prog-Brocken machen. Die vier Songs im Mittelfeld könnten dagegen nicht unterschiedlicher sein. Das Instrumental "Year Of The Plague" kann mit seiner bittersüßen Atmosphäre seine Herkunft als Songs aus den Aufnahmesessions zu "The Raven..." nicht verleugnen. "Happiness III" kreist textlich und melodiös etwas unentschlossen um sich selbst und die Geschichte von "Hand.Cannot.Erase". Bei diesem Stück wird es offensichtlich, warum gute musikalische Ideen trotzdem nicht zum Konzept eines Albums passen können. Das jazzige "Sunday Rain Sets In" versucht den Titel des Stücks musikalisch abzubilden, das verquere "Vermillioncore" macht die Bühne frei für Wilsons Band und fünf Minuten Fusion-Rock. Auch nach diesem Album ist nicht klar, wohin die Reise für Wilson als nächstes geht. Einerseits ist er ein entschiedener Verfechter klassischen Progrocks in der Tradition von Yes und Pink Floyd. Andererseits ist Wilson ein großartiger Songwriter, dem Pop, wie er zuletzt mit "Transience" bewiesen hat, eine Compilation seiner zugänglichsten Songs, ebenso nahesteht wie Jazz, Metal oder Ambient. In ganz seltenen Momenten wie den letzten Sekunden von "My Book Of Regrets" lernen wir nun eine weitere Facette des Musikers kennen, deren Entwicklung spannend werden könnte: Im Ausklingen des letzten Akkords hören wir Wilson seufzen. Ein theatralischer Moment, der gar nicht zum sachlichen Stil des Briten passen will.

Leserbewertung: 8.4/12

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Kommentare (2)

Avatar von peuvre peuvre 27.01.2016 | 14:46

Dieses Übergangsalbum von S. Wilson macht es einem für ein Bewertung nicht leicht. Zum einen ist wieder großartige Musik drauf, zum anderen ist nichts essentiell neues dabei.

Da habe ich mich dann mal für eine gute 8 entschieden, 9-10 sind für sehr gute vollwertige Alben reserviert, 11-12 müssen dann schon Hammeralben sein.

In diesem Fall beginnt alles sehr hoffnungsvoll und typisch - My book of regrets kommt proggig daher, mit Wendungen, leiseren und lauten Teilen und einer ordentlichen Laufzeit.

Die drei folgenden Stücke senken den Erregungsfaktor deutlich, es wird ruhiger, mainstreamiger. Year of the plague ist in meinen Ohren ein wirklich schönes Instrumentalstück, sehr atmospärisch. Das plötzliche Ende überrascht, stört aber nicht. Happiness III ist eine nette Nummer, die nicht unbedingt sein muss, aber bei einem Einsatz im Radio durchaus für Verzückung bei mir sorgen könnte.

Allerdings ärgert mich mächtig, wie lieblos das Stück am Ende ausgeblendet wird. Das kann Wilson besser, es gibt auch beim ausblenden Unterschiede. Danach setzt dann der Regen ein, es plätschert ein wenig dahin - aber durchaus angenehm. Gegen Ende des Stücks wird es kurz und unvermittelt heftig - ein wenig uninspiriert kam mir das allerdings auch vor.

Das letzte Stück - im Original von Porcupine Tree - überzeugt wieder durch seine, auch dank der Laufzeit, aufgebauten Atmospäre. Das Saxophon-Solo sticht heraus, die Vocals von Ninet Tayeb sind gut, aber mir gefallen die Vocals im Original besser (und Ninet Tayeb gefiel mir auf Hand cannot erase) besser.

Das alles ist, wie gesagt, nur eine Zwischenmahlzeit. Ich bin gespannt, was Steven Wilson uns als nächstes vollwertiges Werk präsentieren wird - gleich ob solo, doch wieder mit Porcupine Tree, als Storm Corrosion, oder oder oder.

Avatar von peuvre peuvre 27.01.2016 | 14:52

Ergänzung: da habe ich doch glatt das beste Stück der Platte weggelassen. Vermillioncore kann einen echt wegblasen, das hat Drive und Power - und was Nick Beggs da produziert, ist einfach nur genial. So, wenig objektiv, aber das musste noch gesagt werden.

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