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0 Autor: Markus Hockenbrink

Iceage - New Brigade

New Brigade
  • VÖ: 02.09.2011
  • Label: What's Your Rupture/Beggars/Indigo
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 222 - Schönheit der Ausgabe

Schöne Menschen, böse Lieder – geht doch. Iceage rehabilitieren die Ästhetik des Ornamentalen in gruftigen Postpunk-Songs unter zwei Minuten.

Eine Revolution findet immer irgendwo statt, man bekommt sie halt nur nicht frei Haus. Wahrscheinlich nicht mal Plattenfirmen wie das renommierte XL-Label, das man sich ab und zu durchaus mit Motorschaden und rauchender Kühlerhaube irgendwo in Dänemark vorstellen kann. In den Büschen drum herum: Iceage, die nicht viel Aufmerksamkeit und auch keine üppigen Studiostunden dafür brauchen, das meiste von dem in Frage zu stellen, was man daheim neben der Anlage stehen hat. Eine Platte wie New Brigade sollte sich eigentlich nach zweimaligem Hören selbst zerstören und dabei möglichst viele Led-Zeppelin-Alben mit in den Tod reißen, so radikal gehen die knapp 25 Minuten auf diesem Debüt zu Werke. Eine Zeit, in der diese Songs nicht mehr frisch und spannend klingen? Kaum vorstellbar. Und das nicht etwa wegen ihrer unerhörten Finesse, sondern wegen der eingeschleppten Antimaterie. Iceage sind brachial in dem Sinne, als dass jedes ihrer zwölf frenetischen Songfragmente schön aufs Gesicht abliefert, dabei aber immer noch Zeit und ein paar Extra-Akkorde für die Schaulustigen hat. Drei davon müssten eigentlich reichen bei dem, was dieser Band an Hausaufgaben aufgetragen wurde, aber die blutjungen Kopenhagener stehen insgeheim auf Übererfüllung. Und sie sind kopfhörerfreundlich. Das erste Bauchgefühl würde das Quartett in irgendeinem Lungenpilz-verseuchten Keller verorten, in dem sich nackte Hooligans gegenseitig auf die Fresse geben. Wer genau hinhört, entdeckt jedoch verhältnismäßig vertrackte Arrangements unter all dem Lärm, wie sie nur Schlauberger solcher Musik aufzwingen können. Noch einmal: Iceage-Songs dauern durchschnittlich neunzig Sekunden, und im Vergleich dazu wirken rückblickend schon die Ramones unangenehm ausschweifend und Fugazi irgendwie brav. Und nicht dunkel genug. Die düster-romantische Komponente der Dänen kommt vor allem über Elias Rønnenfelt's Stimme ins Spiel, die New Brigade einen eleganten Gothic-Anstrich verpasst, der Songs mit Titeln wie Eyes, Collapse oder White Rune natürlich in die Karten spielt. Der Rest ist Gitarre, Schlagzeug, Bass, vordergründig wüst, instrumental, dabei aber durchaus knusprig und exakt so produziert, um auf allen Kanälen möglichst viel Angst und Schrecken zu verbreiten. Der Traum von einer Band, die mit niemandem sprechen will, der sich nicht das Logo auf die Stirn tätowiert hat, und die gerade so lange existiert, dass du sie in deiner Stadt eben verpasst hast – er lebt wieder.

Leserbewertung: 9.0/12

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