08.03.2017 | 18:02 9 Autor: Jan Schwarzkamp RSS Feed

Kommentar: "Die Ticketpreise für Eddie Vedders Solo-Konzerte sind Verrat am Fan"

News 26394Im Mai und Juni tourt Pearl-Jam-Frontmann Eddie Vedder solo durch Europa - und verlangt ungewöhnlich hohe Ticketpreise. "Verrat am Fan", kommentiert VISIONS-Redakteur Jan Schwarzkamp.

Ausgerechnet Eddie Vedder. Bislang galt der als das Musterbeispiel des integren Musikers, der sich redlich und mit viel Aufwand um seine Fans kümmert. Doch die gute Beziehung ist jetzt in Schieflage geraten: Die Ticketpreise, die Vedder auf seiner gerade angekündigten Europa-Tour verlangt, sorgen für Enttäuschung, Ernüchterung, Ratlosigkeit.

Im Mai und Juni ist der charismatische Ex-Grunger zusammen mit Folk-Kompagnon und Oscar-Gewinner Glen Hansard in Europa unterwegs. Immerhin ein Konzert spielt er in der Berliner Zitadelle, gleich mehrere in den Niederlanden.

Wen oder was Vedder außer seiner Ukulele genau dabei hat, ist bisher nicht überliefert. Geht man von den Preisen aus, müssten es fairerweise Pyrotechnik, State-of-the-art-3D-Effekte, Hologramm-Big-Band und für jeden Zuschauer ein T-Shirt plus Direct-to-Bluray-Bootleg geben. Von all dem ist nicht auszugehen. Stattdessen sieht es so aus, als müsste man mindestens 60, meistens aber sogar eher 100 bis 150 Euro für ein Ticket investieren, um erst Hansard mit Akustikgitarre und dann Vedder mit Ukulele auf der Bühne stehen zu sehen. Viel Geld, das zahlreiche Fans dafür weder aufbringen können noch wollen.

Schwerwiegender ist jedoch der Verrat am Fan. Denn es geht hier um Vedder, den Frontmann von Pearl Jam – jener Band, die sich Mitte der 90er mutig und ehrenhaft mit dem Karten-Titanen Ticketmaster angelegt hatte, dem sie damals unverhältnismäßig hohe Preise vorgeworfen hatte. Die Inflationsrate der vergangenen 20 Jahre mal außen vor, bewegt sich Vedder mit seinen neuerlichen Ticketpreisen aber auf genau dem Niveau, das Pearl Jam einst ein Dorn im Auge war. Wie kann das sein?

Trotz der Entrüstung und tausender Kommentare enttäuschter Fans im Netz haben sich Vedder oder sein Management bisher nicht zu den Preisen geäußert. Vielleicht ist der Unmut noch nicht zu ihm durchgedrungen, was bei einer Band, die sich ihrer Fans immer derart bewusst war, unwahrscheinlich erscheint. Vielleicht arbeitet Vedder bereits an einem Plädoyer, dass sich alles nur um einen Irrtum handelt. Vielleicht ist er sich nicht mal bewusst, was der Besuch seiner Shows kostet. Aber das zu glauben, fällt schwer – immerhin war seine Solotour 2012 bereits ähnlich teuer.

Merkwürdigerweise blieb damals der große Entrüstungssturm aus. Was einmal funktioniert hat, könnte dann ja auch zweimal funktionieren? Da hat Vedder wohl die Rechnung ohne seine Fans gemacht.

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Kommentare (9)

Avatar von locustspawn locustspawn 08.03.2017 | 21:46

Lieber Herr Schwarzkamp,
ich möchte mich bei Ihnen für den Kommentar zu den Ticketpreisen der Eddie Vedder-Solo-Tour bedanken. Sie haben mir mit Ihren Zeilen sehr viel Zeit gespart; so kann ich nun einfach auf Ihren Kommentar verweisen, der mir aus der Fan-Seele spricht: 89,- Euro für einen Stehplatz mit Sichtbehinderung? Ich hoffe doch sehr, dass da auf der Bühne mehr Leute stehen als davor und bin gespannt, wie Vedder das rechtfertigt. Um eine Stellungnahme wird er nicht umhin kommen. Zumindest nicht in Ihrem Magazin; da bin ich sicher. Dafür schon mal vorab Dankeschön,
Christian aus Jena

Avatar von Fennegk Fennegk 09.03.2017 | 05:15

Nun bin ich weder stetrr Konzertgänger, noch mittlerer PJ- oder Vedder-Fan und doch: Was soll's?
Der Hinweis bspw., dass ja bereits 2012 ähnliche Preise ohne Entrüstung verlangt und wohl auch bezahlt wurden, entkräftet die Aufregung. Auch sind die mit einem solchen Preis erwartbaren Goodies selbst für zynische Zuspitzungen etwas zu groß angelegt.
Gibt's vielleicht einfach im bisher recht ruhigen Musikjahr 2017 sonst nüscht?
Und - ganz allgemein - wenn mir (bis zu!) dreistellige Preise für 'nen Mann mit Ukulele zu viel sind, dann lass ich es eben sein. Ganz einfach. Bliebe die Zitadelle dann wegen mangelnder Heerscharen sichtbehinderungsfrei... umso besser für die Wagemutigen.

Avatar von Fennegk Fennegk 09.03.2017 | 05:19

Nachgetragen:

1) Ich bitte, Tippfehler zu entschuldigen. Weil: Smartphonetastatur.

2) Verrat am Fan sind doch eher die kirre machenden Sondereditionsexperimente und Alben mit gerade-mal-EP-Länge-zum-Vollstkostenpreis.

Avatar von ThomasW ThomasW 09.03.2017 | 09:15

Nuja, die Preise sind schon hart und werden auch unter Fans (sie Tenclub Forum) heftig diskutiert, gerade unter der Betrachtung das Tix fuer PJ selbst ja fast guenstiger sind.

Allerdings fehlt mir in dem Kommentar vielleicht mal ein Vergleich zu den Ticketpreisen die Eddie in US aufruft - sind die aehnlich hoch, wie haben die sich entwickelt, und was (ausser der Musik) gibts fuers Geld?

Ich freue mich dennoch auf die Konzerte, bin allerdings auch gespannt ob Eddie bzw. das Management sich zu dieser Thematik noch mal aeussert!

Avatar von Bentlei Bentlei 09.03.2017 | 10:39

Alles richtig, was in dem Kommentar steht.

Und doch würde ich den Kommentar mal zum Anlass nehmen wollen, eine Diskussion anzustoßen, die tiefer greift als "bloß" die enttäuschte Fanseele, die dem alten Idol nicht zugesteht, möglicherweise im Laufe der Jahre andere Ansichten einzunehmen. Eddie Vedder wäre doch ein super Beispiel, um mal zu recherchieren, was zu hohen Ticketpreisen führt: Ist es wirklich bloße Habgier? Oder verlagert sich die Einnahmequelle von Künstlern abseits des Radio-Mainstreams einfach fast ausschließlich auf das Verkaufen von Live-Tickets? Kann ein Musiker, der vielleicht irgendwann mal mit Pearl Jam richtig abgeräumt hat, heute noch vom Verkauf seiner Musik leben? Und wie ergeht es da Kollegen, die weit weniger prominente Wurzeln haben?
Fände ich spannender als bloß ein beleidigtes Kritisieren von Preisen, gegen das es ein wirksames Mittel gibt: Kein Ticket kaufen.

Avatar von pharmarocker pharmarocker 09.03.2017 | 11:53

Klingt für mich wie ein Sturm im Wasserglas.

Avatar von locustspawn locustspawn 09.03.2017 | 21:10

1. @Bentlei "Kann ein Musiker, der vielleicht irgendwann mal mit Pearl Jam richtig abgeräumt hat, heute noch vom Verkauf seiner Musik leben?"

Soll das ironisch gemeint sein? PJ haben allein von ihrem Debut-Album 16 Mio. Platten verkauft, und zwar zu einer Zeit, in der man zumindest noch nen Apfel und n Ei pro verkaufte Einheit bekommen hat. Ich glaube also kaum, dass Vedder sein Sparschwein knacken muss, um uns in Europa zu beehren ....
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Grundsätzlich bin ich aber bei dir ...

Wie wir der Ticket-Preis ermittelt?
Was passiert mit den Ticket-Einnahmen?
Wieviel bekommt tatsächlich der Künstler?
Hat er Mitsprachrecht bei der Preisgestaltung?
Gehen Vedder & Co. tatsächlich davon aus, das ihre Shows 89,- Euro und mehr wert sind?

und die wichtigste Frage:
Warum und wie kriegen es andere Künstler hin, seit Jahren / Jahrzehnten halbwegs stabile Ticketpreise anbieten zu können? (Motorpsycho, Motorhead, Turbostaat, ...)

Herr Scharzkamp, Sie haben einen Arbeitsauftrag! ;-)

Avatar von Bentlei Bentlei 10.03.2017 | 16:06

@locustspawn: Ich hätte drauf gewettet, dass das jemand schreibt ;-)
Ich habe es bewusst weggelassen, denn ich finde, nur weil jemand in der Vergangenheit großen Erfolg hatte, heißt das im Umkehrschluss nicht, dass man Jahre später aus genau diesem Grund für kleines Geld arbeiten muss. Ich weiß nicht, ob und wie viel Herr Vedder aus den Verkäufen von Pearl Jam durchgebracht hat, es ist für mich aber auch nicht wichtig. Hier geht es allein um den Künslter Eddie Vedder und dessen Musik, bei der Bewertung seiner Eintrittspreise sollte das keine Rolle spielen aus meiner Sicht. Denn sonst könnte ich auch sagen: Gerade unter dem Gesichtspunkt, dass wir hier von einem Superstar sprechen - worüber reden wir am Ende eigentlich? Jede Pissband nimmt heute schon schneller 50€ als man Blaubeerpfannkuchen sagen kann. Und Herr Vedder hat sich seine Sporen immerhin schon verdient.

Umgekehrt darf aber auch jemand, der in der Vergangenheit viel Geld verdient hat auch heute noch viel Geld verdienen. Alles andere ist für mich eine Neid-Debatte, die an der Sache vorbei geht.

"Gehen Vedder & Co. tatsächlich davon aus, das ihre Shows 89,- Euro und mehr wert sind?"
Gute Frage. Wer darf bestimmen, wie viel Musik wert ist? Und ist Eddie Vedder weniger 89.- wert als Guns 'n Roses?


Warum und wie kriegen es andere Künstler hin, seit Jahren / Jahrzehnten halbwegs stabile Ticketpreise anbieten zu können? (Motorpsycho, Motorhead, Turbostaat, ...)
Eine Band, die hier gemieden wird (kleiner Tipp: aus Düsseldorf) kriegt das ja auch hin. Ich glaube, das liegt daran, dass solche Bands in familiären Strukturen gewachsen sind. Da explodieren die Preise vielleicht weniger schnell als in Bands, die von Plattenfirmen und vielen externen Dienstleistern umgeben sind.

Avatar von cis211 cis211 13.03.2017 | 14:33

In 2012 hat die FR-Online dazu den Artikel 40 Euro fürs Ticket, vier für die Künstler veröffentlicht. Darin wird das an einem Beispiel vorgerechnet.

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