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0 Autor: Philipp Welsing

Neurosis - The Eye Of Every Storm

The Eye Of Every Storm
  • VÖ: 28.06.2004
  • Label: Relapse/Neurot
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 136 - Schönheit der Ausgabe

Beim Tête-à-Tête mit Jarboe entdeckten sie die Ruhe als Stilmittel. Kaum mehr als ein halbes Jahr später haben Neurosis weitergeführt, entwirrt und Großes geschaffen.

Wahrhaft Großes sogar. "The Eye Of Every Storm" ist ein wahrer Tornado. Ein Wirbelsturm von martialischer Größe und perverser Schönheit, der sich ohne Unterlass höher schraubt und dabei elend langsam näher kommt. Bereits direkt zu Beginn kündet Donnergrollen Unheil an, tief klagender Gesang prophezeit Leid und körperlichen Schmerz. Unfähig, dich zu bewegen, erstarrt durch seine hypnotische Präsenz, stehst du da und wartest, bis der Sturm dich verschluckt. Eine volle Stunde lang wirbelt er dich unaufhaltsam umher, reißt ohne Gnade an dir und jagt apokalyptische Bilder durch dein Gehirn: Leichen türmen sich, Brücken brennen, Menschen liegen im Schnee – kalt, aber nicht tot. Und immer wieder lässt er dich tief fallen, lässt dich ruhen in seinem Zentrum. Bis er dich wieder umfängt, mit warmer Melancholie einhüllt und dann wie einen Baum entwurzelt. Wahrhaftig: Stille kann bedrohlicher sein als der gröbste Krawall, zumindest wenn sie mit so viel Hingabe und Gespür fürs Detail erzeugt und über Minuten hinweg zelebriert wird wie hier. Steve Von Till, Dave Edwardson und Scott Kelly überziehen die trügerische Stille mit ihren Stimmen wie Tenöre des Weltuntergangs und nehmen sich soviel Zeit wie eh und je, um psychedelische, dröhnend beklemmende Soundwälle hoch zu mauern. Ihre Kompositionen geraten dabei um einiges kompakter als zuletzt, und doch ist eins sicher: "The Eye Of Every Storm" muss als Einheit gesehen werden. Es fällt enorm schwer, die acht Stücke einzeln zu beleuchten. Was zählt, ist die Erfahrung des Ganzen. Denn wer sich ein wenig Zeit nimmt, sich wirklich auf dieses Monstrum aus Musik einlässt, der wird mit einer heftigen Gefühlsreise belohnt, die einen so schnell nicht loslassen und immer wieder erfahren werden will. Wenn Stillstand wirklich der Tod ist, sind Neurosis nach fast 20 Jahren Bandgeschichte lebendiger denn je. Dieses wunderbare, epische Album zeigt, dass sie es noch immer schaffen, Zeichen zu setzen und einfach nicht aufhören, wichtig zu sein.

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