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0 Autor: Wolf Kampmann

Tom Waits - Alice

Alice

Es mussten schon zwei Alben her, um das Gewicht des Waits-Klassikers von 1999, "Mule Variations", zu erreichen.

"Blood Money" und "Alice" sind jedoch keine Alben im eigentlichen Sinne, sondern die längst überfälligen CD-Versionen zweier Bühnenstücke, die in Kopenhagen und Hamburg in Zusammenarbeit mit Robert Wilson aufgeführt wurden. Zweimal mehr verkriecht sich der Quasimodo der schwülen Gesänge hinter seinem Piano, um die Welt aus der Kellerperspektive des kleinen Mannes zu beweinen, und er wirkt dabei buckliger, schrulliger und in sich gekehrter denn je. Die beiden Alben muten geradezu klaustrophobisch an und haben nur selten lichte Momente. Das heißt aber nicht, dass Waits auf jede Poesie verzichten würde. Anstelle schriller Gitarren lässt er wehmütige Bassklarinetten jaulen, neben denen in ungeraden Rhythmen Xylophone hertappen, und seine Stimme ist inzwischen derart abgewirtschaftet, dass er kein Megafon mehr braucht. Statt des urban fiesen Blues der Maultier-Variationen versteigt er sich auf "Alice" und "Blood Money" auf eine Ästhetik, die an Übersetzungen von Brechts und Weills "Dreigroschenoper" ins Mississippi-Delta erinnert. Wer die früheren Streiche des Rauhkehlchens mag, kommt trotzdem auf seine Kosten, denn viele Songs lösen ein Déjà-Vu aus. Man meint, sie irgendwie zu kennen, weiß aber nicht, woher. Die Unterschiede zwischen den beiden Alben sind marginal. "Alice" ist ein wenig verträumter und jazziger als "Blood Money", aber das mag am Ausgangsmaterial liegen, basiert doch das eine auf "Alice im Wunderland", das andere jedoch auf Georg Büchners desillusionierendem Stück "Woyzeck". Beide leuchten dennoch so düster wie Kohlen, die gerade am Verglimmen sind.

Bewertung: 8/12
Leserbewertung: 11.0/12

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