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0 Autor: Andreas Kohl

Blackmail - Bliss, Please

Bliss, Please
  • VÖ: 26.02.2001
  • Label: Speicherstadt/WEA
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 96

Oh Mann! Das ist so ziemlich das erste, das einem durch den Kopf fährt, wenn man „Bliss, Please“ das erste Mal hört. Wie oft passiert es einem, dass man eine Band wirklich liebt, sich auf eine neue Platte freut wie ein kleines Kind auf die Mutterbrust, und gleichzeitig eine Scheißangst davor hat, dass die Band die eigenen Erwartungen enttäuschen könnte?

Wenn man solche Regungen bei sich bemerkt, dann ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass man Fan ist. Man fiebert förmlich mit der Band im Studio mit, liest Berichte von extremen Stresssituationen, denen die Bandmitglieder im Studio ausgesetzt sind, und fragt sich: Werden sie es schaffen? Blackmail haben. Es geschafft. „Bliss, Please“ ist ein solcher Wahnsinn von einem Album, dass mir eben nichts anderes einfällt als: Oh Mann! Der Titel ist eine Aufforderung, der man automatisch Folge leistet und dessen Wortklang Blackmail allein schon besser beschreibt als jede Rezension. Der Opener „Data Buzz“ beantwortet alle Fragen in den ersten paar Sekunden: Das hier ist ein Blackmail-Album. Dieses warme, aber trotzdem unerbittliche Sägen der Gitarren, die präzisen Drums und das Eintauchen in hypnotische Keyboard-und Gitarren-Loops, von denen man jetzt schon weiß, dass sie live sicher wieder Stunden dauern werden. Und das Ganze wieder wie aus einem Guss, in einem Flow, mit dem man sich morgens glatt die Haare fönen könnte. Das Wechselspiel aus Drive und Ruhe, Stops, die wie Fugen die Soundwände durchziehen, und kruden Einsprengseln, die einem wie im Auge des Wirbelsturms Sicherheit vorgaukeln, bevor sich die Soundwelle ein weiteres Mal über einem bricht. Wenn das alles wäre, dann wäre „Bliss, Please“ eine verdammt gute Blackmail-Platte. Aber das ist noch nicht alles. Etwas ist neu. Und das ließe sich mit einem Wort sagen: Songs. Blackmail wagen den Schritt hin zu wahrem Pop. Natürlich sind sie immer noch düster und intensiv, aber optimistischer als je zuvor. Die Einflüsse von Scumbucket und Dazerdoreal, den beiden anderen Bands, in denen einige Mitglieder aktiv sind, machen sich bemerkbar. Blackmail haben im Songwriting einen gewaltigen Satz nach vorne gemacht und setzen weniger als je zuvor auf den Effekt - „...take the fake away!“ Die erste Single „Same Sane“ ist ein Beispiel dafür. Was für ein Bastard von einem Ohrwurm! Und diese Stimme. Aydo zeichnet auch auf diesem Album wieder für die kompletten Lyrics verantwortlich und schüttelt ebenso Liebeslieder wie kryptisch-psychedelische Seelenstrips aus dem Ärmel. Sicher könnte man sich darüber streiten, ob Balladen wie „A Reptile For The Saint“, dessen Piano-Teil leicht an das „Love Story“-Thema erinnert, und „The Small Saving Tar Pit“ im Blackmail-Kontext vielleicht als Konzession an den Major-Deal zu werten sind. Aber who cares? Denn dann gibt es auch solche unglaublichen Intros wie das von „Ken I Die“, dessen innerer Zwang einen sofort als Geisel nimmt, und nicht mehr loslässt, bis der letzte Ton des Songs verklungen ist. In der Auseinandersetzung mit Kurt Ebelhäusers Zweitband Scumbucket fiel oft der Vergleich mit den Beatles. Wenn Scumbucket tatsächlich etwas von der Leichtigkeit der Frühphase der Fab Four haben, dann ist Blackmails „Bliss, Please“ das White Album des neuen Jahrtausends. Und damit schon genug mit den Vergleichen, denn die hat diese Platte absolut nicht nötig. Blackmail sind längst ihre eigene Kategorie. Den Fuß irgendwo im Noiserock, den Kopf im Pophimmel und mittlerweile durch absolut nichts mehr zu stoppen. In einem Interview sagte Kurt einmal: „Es wäre doch wirklich schön, wenn sich ganz oben in der Musikszene mal was ändern würde und wenn wir das hinkriegten.“ Wir hatten nie eine bessere Chance als jetzt.

Leserbewertung: 10.5/12

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