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0 Autor: Christian Kruse

Jimmy Eat World - Clarity

Clarity

Manchmal dauert es eben. Manchmal heißt es, 15 Monate lang Eulen nach Athen zu tragen, um schließlich erhört zu werden.

„Clarity“, nach dem von der Band inzwischen gerne verschwiegenen Debüt und dem schon großartigen Zweitwerk „Static Prevails“, das dritte Jimmy Eat World-Album, wird anderthalb Jahre nach dem offiziellen US-Release jetzt auch in Deutschland regulär veröffentlicht. Und wo die findige Emo-Gemeinde nur mit den schmalen Schultern zucken und weiter auf die neue Platte - die angeblich schon im Frühjahr erscheinen soll - warten kann, gibt dieser Umstand dank Majorstrukturen endlich wirklich allen, die Spaß dran haben könnten, die Möglichkeit, diese Platte in jedem beliebigen Laden zu bekommen. Und ich kenne keine Platte, die dies mehr verdient hätte! „Clarity“ ist ein absolutes Meisterwerk, ein Album, das in seiner Vielschichtigkeit, seiner Tiefe und seiner Langzeitwirkung kaum Konkurrenz findet. Man könnte die Spannweite dieser Platte an den beiden Eckpunkten ‘tragisch’ und ‘euphorisch’ festmachen und findet eine ganze Palette von wirklich außergewöhnlich schönen Songs, die sich irgendwo dazwischen oder gerne auch mal ganz außen ihren Platz suchen und in ihrer Eleganz ganz großes Kino sind. Spätestens nach einigen Durchläufen macht gleich der Opener „Table For Glasses“ Ernst: Er zieht den Hörer in sich und den Rest der Platte hinein und sorgt für freudiges Kribbeln, denn so viel Gefühl, wie Bandleader Jim in seinen Stimmbändern, Fingern und Gedanken hat, ist einfach unwiderstehlich. Mit „Lucky Denver Mint“ und „Your New Aesthetic“ folgen zwei Rocker, die irgendwo zwischen Drive Like Jehu und den Foo Fighters changieren und so dermaßen unverschämt eingängig sind, dass man sie nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Gleiches gilt für den Rest der Platte, und mehr noch: „Clarity“ ist eine der wenigen Platten, die man monatelang nicht hören muss und dann trotzdem beim ersten neuen Durchlauf mitsingen kann. Von vorne bis hinten. „A Sunday“, „12.23.95“, „Ten“, „Just Watch The Fireworks“ und „For Me This Is Heaven“ - quasi der gesamte Mittelteil - ist sehr ruhig gehalten und bewirkt, dass man sich wünscht, diese zweistimmigen Göttergesangsmelodien mögen nie aufhören. Für Menschen mit Liebeskummer und frisch Verliebte gleichermaßen bieten Jimmy Eat World genau die Stimmung, die man nicht in Worte fassen kann. Dass dies zu keiner Zeit schmierig, klischeehaft oder mit Pathos zugekleistert wirkt, zeigt die eigentliche Größe dieser Band. Und spätestens bei „Goodbye Sky Harbour“, dem sechzehnminütigen Schlusssstück und den letzten vier Minuten voller Chöre geht wirklich gar nichts mehr. Wunderschön. Höchstnotenalarm. Für mich und viele andere die Platte des Jahres 1999. Hoffentlich für viele neue Fans die Platte des Jahres 2001.

Leserbewertung: 10.2/12

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