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Black Country, New Road - Ants From Up There

Ants From Up There
  • VÖ: 04.02.2022
  • Label: Ninja Tune/Rough Trade
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 347 - Platte des Monats

Black Country, New Road sind verschwenderisch. "Ants From Up There" bringt ein ganzes Füllhorn neuer Stile in den Mix, während vom Post-Punk ihres Debüts nur noch die Unerschrockenheit übriggeblieben ist, mit der sie diese mischen. Die Geburtsstunde einer neuen Form von Post-Rock

Exakt ein Jahr nach ihrem Debüt legen Black Country, New Road nach - und klingen dabei wie eine Band, die wesentlich länger Zeit zu reifen hatte. "Ants From Up There" ist ein übervolles, forderndes Album, dessen letzter Song "Basketball Shoes" in seinen mehr als zwölf Minuten allein genügend Stoff birgt, um diese Review füllen zu können. Erstaunlich ist vor allem, wie kunstvoll und selbstbezüglich die zehn Songs arrangiert und komponiert sind. Das gilt für Isaac Woods wortreiche Texte ebenso wie für die Musik, in der sich das Saxofon von Lewis Evans und die Geige von Georgia Ellery zu den Leadinstrumenten entwickelt haben. Die Gitarre arbeitet allenfalls zu, wenn sich die Instrumente von Evans und Ellery wie in "Haldern" - vermutlich der erste Song, der dem Festival am Niederrhein gewidmet ist – gegenseitig umspielen, als hätten sie einen Crashkurs bei Philip Glass gemacht. Generell funktionieren Black Country, New Road 2022 wie ein Orchester, das sehr genau weiß, wie es die verschiedenen zur Verfügung stehenden Stimmen einsetzen muss. So nimmt das erwähnte "Haldern" etwa das Bläserthema aus dem Intro rhythmisch wieder auf, wohingegen "Mark's Theme" klassisch anmutet, wenn sich Klavier und Saxofon gegenseitig anschmachten, nur begleitet von einer einsam wummernden Trommel.

"Mark's Theme" beendet die erste Hälfte des Albums, bevor Black Country, New Road ihre drei längsten Songs abfeuern, die sie endgültig in die Nähe des theatralischen Post-Rocks von Godspeed You! Black Emperor rücken – allerdings mit Gesang. "Snow Bodies" ist dafür das eindrücklichste Beispiel, während sich "Basketball Shoes" zu Beginn anfühlt, als hätten sie mit Tortoise gejammt. Die Kunst der Londoner ist allerdings, dass sie es selbst in Longtracks wie "Basketball Shoes" über mehr als 12 Minuten und nach zig Wendungen schaffen, ein und dasselbe Gefühl zu transportieren. Große Dramaturgen sind hier am Werk, die auch auf textlicher Ebene wenig dem Zufall überlassen. "Chaos Space Machine" etwa endet mit den Zeilen "Billie Eilish style/ Concorde will fly/ Ignore the hole I've dug again." "Concorde" heißt nicht nur der nächste Song, wie eine Art secret word bei Zappa taucht das Wort später auch wieder in "The Place Where He Inserted The Blade" auf, bevor "Basketball Shoes" mit den Worten beginnt "Concorde flies in my room". "Ignore the hole I've dug again" ist wiederum die erste Zeile in "Haldern", in dem Woods auch nochmal auf den "Billie Eilish style" zurückkommt.

Diese Kunstfertigkeit führte zu nichts, würden Black Country, New Road daraus nicht so großartige Panoramen zusammenfügen. Dass deren Grundtenor eher dunkel als hell leuchtend ist, liegt an der Zeit, in der diese Musik entstanden ist. Aber die musikalische Energie, die sich zwischen Woods teils todessehnsüchtigen Zeilen breitmacht, macht Mut und drückt so viel Lebensfreude aus, dass man von dieser Band noch viel erwarten darf. Wenn sie ihr Tempo halten, schon in knapp 12 Monaten wieder. Die Zeit läuft...

Leserbewertung: 9.9/12

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