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0 Autor: Markus Hockenbrink

My Morning Jacket - My Morning Jacket

My Morning Jacket
  • VÖ: 22.10.2021
  • Label: ATO/Pias/Rough Trade
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 344 - Schönheit der Ausgabe

Das sonnendurchflutete neue My-Morning-Jacket-Album ist immer dann am besten, wenn sich kurz ein paar Wolken davorschieben. Auch wenn die Band das am liebsten verhindern würde.

Erst im vergangenen Jahr veröffentlichte das Quintett aus Kentucky mit "The Waterfall II" den überraschenden Nachfolger zu ihrem 2015er Album, übrig geblieben von den damaligen Sessions. Als kleines Licht in dunklen Zeiten wollte Sänger Jim James die Zugabe verstanden wissen, eine Mission, die auf dem neuen nach der Band benannten Album erst recht im Vordergrund steht. My Morning Jacket beschäftigt sich recht grundlegend mit der Frage, wie sich eine Rockband, die normalerweise am liebsten über "One Big Holiday" singen würde, in Zeiten gesellschaftlicher Krisen positionieren soll. Klassische Protestsongs mit tagesaktueller Thematik kommen schon aufgrund des kurzen Haltbarkeitsdatums nicht infrage, zumal die Band immer Wert auf jenen musikalischen Traditionalismus gelegt hat, der sich mindestens bis Lynyrd Skynyrd zurückverfolgen lässt. Die Antwort finden James & Co in einer Art pazifistischem Frontalangriff. Nachdem im Opener "Regularly Scheduled Programming" das Problem ausgemacht worden ist – Spoiler: es hat mit Internetsucht und Realitätsflucht zu tun – wird schon im nächsten Song die Lösung angeboten: "Love Love Love". Für die nächsten drei Songs mit dem trippigen Highlight "In Color" scheint einem die Sonne ins Gesicht, und wenn man das Wort Liebe im Textblatt markieren würde, ginge es dort tatsächlich sehr bunt zu. Mit dem Ska-infizierten "Never In The Real World" und dem selbstironischen "Lucky To Be Alice", in dem My Morning Jacket ihre sinkenden Plattenverkäufe besingen, folgen zwei der lustigsten Stücke, die es von der Band bisher gab. Der beste Song des Albums ist allerdings zwischen beiden eingebettet und von einer ganz anderen Stimmung. "The Devil's In The Details", neun Minuten lang und mit einer unheimlichen Mantra-artigen Gesangsmelodie ausgestattet, spielt in den Kulissen eines Einkaufszentrums, in dem arme Jugendliche für das Militär rekrutiert werden. Ein beklemmend schönes Stück, das man am liebsten dreimal hintereinander hören möchte, bevor es zurück geht ans Licht. Dort wartet unter anderem Complex mit seinem knackigen Steinzeit-Riff, mit dem die Band so nah an die Queens Of The Stone Age heranrückt wie nie zuvor. Für den letzten Song und seine verträumte Coda verwandelt sich James dann wieder in einen bärtigen Engel, der zu seinem Lieblingsthema zurückkehrt. "Everything you touch turns to love", singt er, während die übrigen Instrumente gen Horizont entschweben. Sein Wort in unser Ohr.

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