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Perry Farrell - Kind Heaven

Kind Heaven

Vier-Ohren-Test

Streicher, Visconti, Zirkusmusik, Schmockrock: XL-Entertainment zwischen Konzept und Kitsch. Der Mann, der mit Jane's Addiction den Sex-Funk-Rock anschob, das Lollapalooza aus der Taufe hob und bei den Porno For Pyros Tänzerinnen Pirouetten drehen ließ, ist zurück. Mit bald zwei Dekaden Anlauf entstanden und eingespielt von einem ganzen Schwung von großen Namen, ist es genau das Album, das man von einem Crooner wie Perry Farrell erwartet – die Gegenseite wird sagen: befürchten musste. Überkandidelt und melodiös wie die Beatles zu Zeiten von "Sgt. Pepper's", dann wieder breitbeinig zwischen Sleaze und Glam, mal mit überzuckertem Piano, dann mit himmelhohen Streichern verziert, weiß Auge und Ohr oftmals gar nicht, worauf es sich zu konzentrieren gilt. Tony Visconti hat produziert, unter den Gästen ist mit Taylor Hawkins, Tommy Lee und Matt Chamberlain geballte Schlagzeugkompetenz vertreten, die Orchestrierung stammt von Soundtrack-Ass Harry Gregson-Williamson (unter anderem X-Men, Shrek, Der Marsianer). Nicht alles trifft ins Schwarze, "One" etwa ist eine klebrige Powerballade für den Disney-Channel. Ansonsten aber knallt es überaus gut: "Machine Girl" als Hitmix aus Garbage und The Cult, "Where Have You Been All My Life" ist ein Groover, den auch Axl Rose nicht von der Mischpult-Kante gestoßen hätte, "Spend The Body" das dramatische Bewerbungsschreiben für einen kommenden James-Bond-Song. Kurzum, "Kind Heaven" ist der großartigste, größenwahnsinnigste Kitsch der Saison. Nächster Halt: Las Vegas.

Ingo Scheel 8/12

Willkommen auf der Resterampe: Wenn nichts passt, ist auch alles irgendwie erlaubt. Der Jane’s-Addiction-Frontmann wirft ein neues Soloalbum auf den Markt, hat aber seit dem Vorgänger rein gar nichts dazugelernt. Wieder ist er der Meinung, mit genug illustren Namen in den Credits (unter anderem Foo-Fighters-Drummer Taylor Hawkins) wird schon keinem auffallen, dass er hier nur ein bisschen aufgehübschten Bodensatz, ein Potpourri unvereinbarer Songreste zusammengekratzt hat. Manches davon ist nicht ganz so schlimm wie anderes, richtig gut ist nichts. Auf welcher Songebene genau Farrell dabei völlig daneben haut, variiert abwechslungsreich: Da wäre der total bescheuerte Text von "Snakes Have Many Hips" mit trüben Perlen wie „Everyone and everything is way to linear, we can all use a little dosis psychedelia“ oder das völlig nichtssagende, dafür doppelt geschmacklose Metathema des Sex Talks mit einem Roboter in "Machine Girl" zu unsäglich orgelnder Wah-Wah-Gitarre. Auf der Klangebene zählen eine schön übertrieben mit Hall belegte Bongo in "One", die einem das Gitarrensolo ordentlich madig macht, zusammen mit pseudo-modernen Dance-Beats in "Spend The Body" zu den Tiefpunkten. Auch die penetranten Streicher zu hysterischem Klavier in "Let’s All Pray For This World" erschließen sich kein Bisschen. Dass ausgerechnet der Song mit dem Titel "More Than I Could Bear" ein kleiner musikalischer Lichtblick ist, mutet fast an wie ein schlechter Scherz an.

Juliane Kehr 4/12

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