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1 Autor: Martin Iordanidis

Baroness - Gold & Grey

Gold & Grey
  • VÖ: 14.06.2019
  • Label: Abraxan Hymns
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 316 - Platte des Monats

"Gold & Grey" lebt davon, nicht bis in den letzten Winkel verstanden zu werden. Wie auf dem Doppelnamensvetter "Yellow & Green" baden Baroness das Hirn abwechselnd heiß und kalt, ihres und unseres.

Genau in der Mitte zwischen gewohnter Struktur und Neuem verortet die Psychologie ein Ding namens 'Interesse'. Gewohnt ist auf Baroness' fünftem Album das gleichmäßige Ein- und Ausatmen zwischen kaleidoskopisch blühenden Metal-Gewächsen und ruhigen Zwischenspielen. Mit schöner Regelmäßigkeit weichen auch auf "Gold & Grey" experimentelle Soundreisen den Prog-Boliden auf, der auf "Purple" zuletzt sein energetisches Maximum erreicht hatte. Songs wie der Arpeggio-reiche Opener "Front Toward Enemy" oder das perkussiv dichte "Throw Me An Anchor" gehen vor diesem Hintergrund als zuverlässige Abholer durch. Auch die neue Gitarristin Gina Gleason – sie bringt neben hervorragenden Referenzen von Smashing Pumpkins und Carlos Santana auch noch eine gute Stimme mit – wirkt auf ihrem ersten Baroness-Album schon perfekt integriert. Mit diesem sicheren Terrain unter den Füßen wagt die Band klanglich mehr als je zuvor, in unterschiedlichen Farbtönen und Brennstufen.

Wenn "Gold & Grey" den Art-Metal-Regler in die Off-Position bringt, ist zwischen Jazz, Noise und TripHop grundsätzlich alles denkbar. "I'm Already Gone" lebt von den rhythmischen Fundamenten von Massive Attack und legt darüber die klanglichen Konventionen von Post-Metal. "Seasons" setzt auf einen Groove, der seit seiner Vereinnahmung durch Linkin Park eigentlich unten durch wäre, wenn Schlagzeuger Sebastian Thomson ihn nicht mit eingestreuten Blastbeats sowie Drum'n'Bass-Patterns wieder interessant machen würde. Zwischen Sludge-Metal-Bodenkontakten wie diesen driftet das Album regelmäßig in Spacerock aus verschiedenen Jahrzehnten ab. Die klingen wie in "Tourniquet" nach buchstabengetreuem Pink Floyd-Zitat: eine sacht gestrichene Gitarre und John Baizleys zerbrechliche Stimme verschleiern, wie im Hintergrund psychedelische Raketen abgefeuert werden. "Can Oscura" trägt die Verbeugung vor den deutschen Kraut-Pionieren Can nicht nur im Namen, sondern auch in einem nicht enden wollenden Drumfill. Baizley und Gleason pumpen es mit sphärischen Gitarrensounds so lange voll, bis es an der Decke zerplatzt. "Anchor's Lament" kontrastiert pluckernde Synthesizer mit einem eiskalten Klavier und Streichern, darunter mischt "Purple"-Produzent Dave Fridmann basslastigen Chorgesang mit multiplen Baizleys nebeneinander.

In "Sevens" treten dissonant klimpernde Piano-Texturen gegeneinander an, die Baroness mit einigen Geisterstimmen unterlegen – eines der Zufallsprodukte, die herauskamen, als die Musiker ein Aufnahmegerät vors Studio oder an den Mund eines ihrer Besucher gehalten haben. In der Theorie braucht es einiges an Kondition, 17 Songs lang Baroness' jenseitigem Verständnis von Prog Metal zu folgen. In der Praxis nicht: Die rostigen Nägel, heiligen Musen und träumerischen Naturwesen auf Baizleys Albumcover kann man sämtlich auch hören, wenn man interessiert zuhört.

Leserbewertung: 9.1/12

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Kommentare (1)

Avatar von Defender81 Defender81 27.06.2019 | 09:31

Großartiges Album. Aber die Platte ist - sorry, für die Werbeanzeige hier - ein Graus! Ich verstehe einfach nicht, wie es diese Band immer wieder schafft, auf Vinyl so grottig zu klingen. Sehr schade, wirklich :(

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