Zur mobilen Seite wechseln
1 Autor: Gerrit Köppl

Thrice - Palms

Palms
  • VÖ: 14.09.2018
  • Label: Epitaph/Indigo
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 306 - Schönheit der Ausgabe

Thrice feiern ihr 20-jähriges Bestehen, ihr zehntes Album und ihren ersten Release auf Epitaph mit dem ambitioniertesten Konzept seit "The Alchemy Index".

Die Kalifornier hatten vor zehn Jahren mit ihrem Vierfach-Konzeptalbum über Feuer, Wasser, Erde und Luft ein unglaublich durchdachtes Musikepos vorgelegt. Danach loteten sie mit "Beggars" und "Major/Minor" vor ihrer Bandpause neue Richtungen aus, in die sie sich musikalisch entwickeln konnten – und das findet auf "Palms" auch Einfluss –, doch so inhaltlich dicht wie auf "The Alchemy Index" wurde es nicht mehr. Bis jetzt: Es geht um Hände als sehr vielfältig einsetzbare Metapher. "Palms" (zu Deutsch: Handflächen) verfügt über so viele Songs wie beide Hände zusammen Finger haben – und jeder von ihnen dreht sich explizit um Dinge, die man mit den Händen macht oder nutzt die Hand metaphorisch als zentrales Element. Im Opener "Only Us", der von der vorherrschenden Wir-gegen-sie-Mentalität handelt, wählt Sänger Dustin Kensrue die Faust als Mittel zur Gewalt und das Handauflegen als religiöses, segnendes Symbol. In "The Grey" streckt er seine Hand geöffnet aus, um fremde Ideen und Ansichten in seine Welt zu lassen. In "Branch In The River" klammert er sich an den Ast im reißenden Strom, aus Angst vor dem Ungewissen, das ihn flussabwärts erwartet. Atemberaubend spürbar machen Thrice das geschlossene Händehalten, den bildlichen Zusammenhalt verschiedener Menschen im Song "The Dark", ohne ihr Leitmotiv explizit zu nennen: Im Outro singen über tausend Stimmen die Zeile "No we’re not gonna sit in the dark anymore", um sich laut gegen Ausgrenzung und Unterdrückung zu wehren. Thrice hatten während der Produktion einen entsprechenden Aufruf gestartet und Fans um die Zusendung einer Aufnahme gebeten, die Mühe hat sich gelohnt. "Palms" ist musikalisch etwas konservativer als das komplett seinem Konzept verpflichtete "The Alchemy Index". Trotzdem betreten Thrice mit den pulsierenden, Industrial-artigen Synthesizer-Arpeggios gleich in den ersten Sekunden neues Gebiet. "Everything Belongs" ist eine Pianoballade im Sieben-Viertel-Takt mit Post-Rock-Atmosphäre, Schlagzeuger Riley Breckenridge drischt in "The Dark" auf Orchesterpauken ein, Kensrue singt ein traumhaftes Duett mit Emma Ruth Rundle in "Just Breathe" und das vorletzte Stück "Blood On Blood" wird aus heiterem Himmel von einem Harfensolo verfeinert – so unkonventionell schön klang zuletzt die Spieluhr auf "Music Box" (von "Vheissu"). Als Ganzes klingt "Palms" aber vor allem: vertraut. Auf dem Jubiläumswerk kulminiert fast jeder Sound, den Thrice in zwei Jahrzehnten Bandgeschichte erforscht haben.

Leserbewertung: 10.7/12

Bitte einloggen, wenn du diese Platte bewerten möchtest.

Kommentare (1)

Avatar von floripondio floripondio 14.10.2018 | 15:24

Fantastisches Album, der nicht so prickelnde Vorabsong "The Grey" ist tatsächlich das uninteressanteste Stück der gesamten Platte. Ach ja, und der interessante Überbau des Albums wehrt sich vehement gegen eine Schwarz-Weiß-Sicht der Welt. Von einer christlichen Band in Trump-Zeiten ist das besonders erfreulich und wertvoll.

Bitte einloggen, wenn du diese Platte kommentieren möchtest.