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0 Autor: Christian Wiensgol

Adolescents - Cropduster

Cropduster
  • VÖ: 20.07.2018
  • Label: Concrete Jungle
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 305 - Schönheit der Ausgabe

Ihre Anti-Trump-Platte sollte die wütendste in der 40-jährigen Bandgeschichte der Adolescents werden und gerät plötzlich zum Abschiedsalbum von Punklegende Steve Soto.

Beiden Aufgaben wird "Cropduster" gerecht. Am 27. Juni 2018 verstirbt Bandgründer, Hauptsongwriter und Gitarrist Steve Soto mit 54 Jahren unerwartet in seinem Haus in Orange County. In den Wochen vor seinem Tod tat er das, was er in den letzten Jahren fast immer tat: Musik schreiben, aufnehmen und vor allem auf Konzerten spielen. Kurz vor der Veröffentlichung von "Cropduster" sind die Adolescents noch in den USA auf Tour, die nächsten Termine für Europa stehen auch schon fest. Die hat die Band nach dem überraschenden Todesfall nicht abgesagt, sondern spielt sie nun als Zeichen des Gedenkens an Soto. Der Gitarrist hätte selbst wohl am wenigsten gewollt, dass es im Zuge der neunten Platte seiner Band plötzlich um ihn geht – statt um Donald Trump, die USA und all den anderen Mist, dem die Kalifornier auch nach vier Dekaden noch mit Wut im Bauch begegnen. Mario Rivieres Covermotiv mag der ein oder andere zu komödiantisch finden, aber es passt perfekt in die Diskografie der dritten Bandphase. Womit wir beim wichtigsten Punkt wären: Cropduster ist nicht merklich besser als seine vier gelungenen Vorgänger, die die Adolescents uns seit 2011 um die Ohren gehauen haben. Es wird nicht zuletzt aufgrund seines traurigen Begleitumstandes nur mehr Gehör finden. Aber auch, weil die Feindbilder weniger diffus oder persönlich sind. Natürlich nimmt man Frontmann Tony Reflex seine Wut ab, wenn er gegen das scheinheilige Vorstadtspießbürgertum und den unmenschlichen Umgang mit seinem autistischen Sohn zetert wie auf "Presumed Insolent". Aber was dieser Tage mehr Menschen aus der Seele spricht, ist ein lautes und deutliches "Fuck You" Richtung Donald Trump, wie in der anderthalbminütigen Hardcore-Hassattacke "Just Because". Darin wird die Präsidentenbeleidigung unter anderem mit "Just because you grabbed my pussy" legitimiert. Auch Steve Bannon wird sexuell übergriffig, wenn das Quintett einen drohenden Atomkrieg zynisch mit einer Partie "Nuclear Football" parodiert. Bei all der Scharfzüngigkeit hätte man den Adolescents ein reines Hardcore-Album zugetraut, doch "Cropduster" räumt viel Platz für das größte Talent von Reflex und Soto ein: Melodien. Fast jeder der 18 Songs kann als Paradebeispiel für den richtigen Umgang mit Gitarrensolos im Punkrock herangezogen werden. Und Reflex’ Refrains versprühen immer noch dieselbe infektiöse Leidenschaft wie zu Beginn der 80er. Zu schade, dass der Jungbrunnen, den die Adolescents vor geraumer Zeit gefunden haben, zwar vorm Altern bewahrt, aber kein ewiges Leben versprechen konnte.

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