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0 Autor: Florian Zandt

Glassjaw - Material Control

Material Control

Die bislang letzten Veröffentlichungen der Posthardcore-Band erschienen eher tröpfchenweise im EP-Format und auf unkonventionellen Kanälen. Ihr Comeback-Album konzentriert sich nicht nur in Sachen Vertrieb auf klassische Werte.

Erstaunlich ist das vor allem vor dem Hintergrund, dass die Band in den vergangenen zehn Jahren drei Mitglieder eingebüßt hat und im Studio nur noch aus Sänger Daryl Palumbo und Gitarrist Justin Beck besteht, der sich für das dritte Album in der knapp 25 Jahre währenden On-Off-Beziehung Glassjaw zusätzlich den Bass um die Schultern hängt. Vielleicht ist es aber auch gerade der Fokus auf diesen kleinstmöglichen Zirkel – Beck und Palumbo sind zwei der vier Gründungs- und seit jeher die einzigen konstanten Mitglieder der Band –, der "Material Control" einen so hammerharten Punch und Dichte verleiht.

Musikalisch sollte man allerdings keine neuen Offenbarungen erwarten. Denn Palumbo und Beck bemühen sich nicht, ihre 90er-Alternative- und Hardcore-Sozialisation zu verleugnen, geben aber ordentlich Gift und Galle in den bewährten Mix. In Palumbos Schrei-Singsang, dessen gewohnt soulige Kante sich schon im Opener "New White Extremity" mit kratzigem Gekeife abwechselt, schwingen zu gleichen Teilen Bands wie Far, die Deftones oder Quicksand mit. Letztere sind es auch, die für die quersitzenden Riffs von Beck Pate stehen – hätte sich Walter Schreifels für die neue Platte seiner Post-Hardcore-Band noch mehr an alten Tugenden orientiert, sie hätte ein wunderhübsches Paar mit "Material Control" abgegeben. Für reinen Kopismus ist das dritte Glassjaw-Album dann aber doch zu eigenständig, die abrupten Wendungen und hakenschlagenden Melodien zu typisch für die Band.

"Shira" etwa verbindet in seinem Chorus den supersüßen, träumerisch verhangenen Gesang Palumbos mit breitbeinigen Gitarren. "Golgotha", das sich laut Palumbo als einziges Stück nicht einer postapokalyptischen Vision von Krieg, Irrglaube und Zerstörung widmet, sondern seinem Dasein als Familienvater, bildet zusammen mit dem böse funkelnden "Bibleland 6" und seinen wummernden Grooves das gemeinste Song-Duo der Platte. "Citizen" hingegen definiert sich über seinen rhythmisch vertrackten Basslauf, der sich ohne Mühe bei den muskulösen Lead-Riffs unterhakt. Apropos Rhythmus: Für den sorgt auf "Material Control" Billy Rymer, der sonst bei The Dillinger Escape Plan 7/16tel-Beats ins Schlagzeug-Vakuum drischt und Becks exzellente garstige Bass-Arbeit mit der nötigen Wucht unterfüttert. Den wahren Perkussions-Höhepunkt liefert allerdings der ehemalige Glassjaw-Bassist Ariel Telford, der das musikalische Bergfest "Bastille Day" mit psychedelisch angehauchtem Tabla-Drumming und Handclaps zum heimlichen Highlight macht. Denn dieser Song, der aus dem Kontext gerissen absolut unpassend wirken würde, verdeutlicht den Charme der 2017er-Inkarnation von Glassjaw: Ordentlich mit den Erwartungen spielen, nur um sie letztlich mit einer großen Portion Gift und Galle zu übertrumpfen. Materialprüfung mit Bravour bestanden.

Leserbewertung: 9.0/12

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