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Tocotronic - Die Unendlichkeit

Die Unendlichkeit

Zeit für ein neues Meisterwerk: Zehn Jahre nach "Kapitulation" finden Tocotronic "Die Unendlichkeit". Die dreht sich vor allem um die eigene Endlichkeit.

Wovor Dirk von Lowtzow 1993 aus der Provinz geflohen ist, holt ihn heute wieder ein. "Hey Du" erzählt davon in bewusst schlampiger Weise. Die Botschaft aber ist klar: Noch immer werden Menschen beleidigt, weil sie nicht unserem Maßstab von Normalität entsprechen. Es ist der große Verdienst von "Die Unendlichkeit", dass Tocotronic beim Zurückblicken stets im Heute landen. Dazu gehört auch, über "1993" mit einem Effekt zu singen, der uns derzeit kalte Schauer über den Rücken jagt: Autotune. Aber nicht nur in den beiden Songs der ersten Single zeigen Tocotronic eine neue Seite – wieder einmal. Wer die Band nach dem "roten Album" abgeschrieben hatte, wird jetzt mit der musikalisch vielseitigsten Platte der Bandgeschichte zurückgeholt. "Electric Guitar" etwa unterstreicht, dass Tocotronic weiterhin an die Kraft der E-Gitarre glauben, auch wenn der Song selbst schunkelnde Americana ist. Mit "Unwiederbringlich" wagen sich Tocotronic am weitesten aus der Deckung. Was zunächst wie ein The Notwist-Song mit schönen Taktverschiebungen beginnt, entwickelt sich zu Indie-Kammerpop, dessen Leichtfüßigkeit in krassem Gegensatz zum Text steht: "Dein Tod war angekündigt/ Das Leben ging dir aus/ Unversöhnlich schlich es aus dir hinaus". Indem Tocotronic einem die Kehle zuschnüren, machen sie jedem Hoffnung, der einen Menschen verloren hat oder sich Gedanken darüber macht, was wäre wenn. Das Leben ist schließlich endlich. Das bekommt so unpeinlich, ergreifend und zugleich klug derzeit nur eine Band in Deutschland hin.

Bewertung: 9/12
Leserbewertung: 7.8/12

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Kommentare (1)

Avatar von McLusky3007 McLusky3007 26.12.2018 | 03:21

Puh. Kann die Rezension nicht teilen. Als Fan seit "Freiburg" konnte ich bis "K.O.O.K" noch super mitgehen. Mehr noch, ich LIEBTE wirklich jedes einzelne Album. Was danach geschah, erschließt sich mir nicht. Ich las dann, wie sich die Band doch weiterentwickle, mit jedem neuen Album. Tocotronic werde erwachen.

Ach so.

Ist wahrscheinlich mein subjektives Problem. Für mich ist die Musik, verglichen mit den ersten 5 Alben, ausgesprochen beliebig geworden.

Und gerade die Texte, die früher in ein völlig anderes musikalisches Fundament gegossen wurden und dadurch erst richtig wirkten, gehen in dieser teils fast schon schlageresken, musikalischen Belanglosigkeit, unter.

Und jetzt also landet "Die Unendlichkeit" auf dem 25. Platz der besten Alben 2018.

Ach so.

Frohes Fest noch und guten Rutsch,

McLusky3007

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