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0 Autor: Gerrit Köppl

Rolo Tomassi - Time Will Die And Love Will Bury It

Time Will Die And Love Will Bury It

Mathcore ist nicht für seine Feinfühligkeit bekannt. Man möchte meinen, das aggressive und verkopfte Genre lässt nur Wut und Wahnsinn zu. Rolo Tomassi aber schließen einen in die Arme – und drücken ganz, ganz fest zu.

Mit dem Debüt "Hysterics" von 2008 sorgen Rolo Tomassi für Begeisterung und Stirnrunzeln. Denn es ist gar nicht so einfach, Mathcore, Black- und Post-Metal, Jazz, Shoegaze, Electro, Ambient und Prog unter einen Hut zu bekommen und sich dabei noch Zugänglichkeit zu bewahren. Mit jeder weiteren Platte drehen die Briten an den Stellschrauben, auf dem 2015 erschienenen "Grievances" klappt es bis dato am besten: Sofern einen der brutale Opener "Estranged" nicht sofort ausknockt, servieren Rolo Tomassi darauf eine komplexe Klangpalette, auch wenn deren Farben vornehmlich dunkel sind.

Nun türmt sich mit dem fünften Album "Time Will Die And Love Will Bury It" ein massiver Monolith auf, um das Cover-Artwork einmal aufzugreifen. Ein kleiner Eingang führt in einen warmen, lichtgefluteten Raum: Die erhabenen Klangflächen des Intros "Towards Down" induzieren eine wohlige Trance, mit der man in "Aftermath" hineingleitet – ein von Eva Spences lieblichem Gesang getragener Song, der Elektropop, Shoegaze und Prog-Anleihen zusammenführt und auf ein Finale zusteuert, das zu diesem Zeitpunkt schon wie ein vermeintlicher Höhepunkt des Albums klingt. Doch wer sich vom sanften "Aftermath" verzaubern lässt, ist Rolo Tomassi in die Falle getappt. Wenn die Gitarre zum Schluss verheißungsvoll im Raum erstarrt, schlägt die Eingangstür zu, das Licht geht aus, die Schwerkraft zieht zurück auf den Boden – "Rituals" beginnt: "Lulled by safety/ Lured into these acts/ Caught and suffocated but refusing to expand from that", schreit Spence nicht unpassend – ihr sirenenhafter Gesang weicht dabei markerschütternden Growls. Auch weniger Mathcore-affine Hörer stecken längst zu tief im Album drin, um wieder abzuspringen, obwohl Blastbeats, orchestrale Synthie-Arrangements und vertrackte, dissonante Riffs jedes zuvor aufgekeimte Glücksgefühl ersticken.

Rolo Tomassi spielen auf dem ganzen Album mit extremen Kontrasten, "The Hollow Hour" etwa bringt klassische Klavier-Intermezzi in den Mix, zu denen Spence fließend in hohe Register zurückwechselt. "Balancing The Dark" führt ein jazziges Fahrstuhlmusikthema ein, das mit aufreibenden Synthies den nächsten brachialen Ausbruch erahnen lässt – wie in "Alma Mater", dessen unberechenbare Intensität die noch schmerzlich nahe liegende Auflösung von The Dillinger Escape Plan kurz in Vergessenheit geraten lässt. Die zweite Hälfte der Platte bringt mit "A Flood Of Light" das Licht zurück, es kommen mehr Ambient- und Post-Rock-Elemente ins Spiel. Die Spannungskurve steigt und sinkt auch mit Spences Texten: Drehen sich abgrundtief düstere Momente um Verlust und Versagen, geht es in elegischen Passagen um Sehnsucht und Geborgenheit. Dass Mathcore eben auch das stiften kann, beweisen Rolo Tomassi mit "Time Will Die And Love Will Bury It" sehr liebevoll, ohne dafür Samthandschuhe anziehen zu müssen.

Leserbewertung: 10.7/12

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