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Petrol Girls - Talk Of Violence

Talk Of Violence
  • VÖ: 18.11.2016
  • Label: Bomber/Broken Silence
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 285 - Schönheit der Ausgabe

Musikalische Brandsätze gegen das Patriarchat: Der zornige Laurie-Penny-Posthardcore der Petrol Girls kratzt und stört und spuckt. Gut so.

Vermutlich waren jene „Pétroleuses“, die angeblich in den letzten Tagen der revolutionären Pariser Kommune 1871 Brandanschläge mit Petroleum-gefüllten Flaschen verübten, nur eine Propaganda-Erfindung der französischen Regierung. Den Mythos der entrechteten Unterschichtsfrauen, die sich mit aller Kraft gegen Unterdrückung zur Wehr setzen, nahmen die Petrol Girls aber gern auf: 2013 gründeten sie sich in London als explizit feministische Band, ihre 2014er Debüt-EP schmückte ein aus einer Milchflasche gebauter Molotow-Cocktail. Nach der 2016er EP "Some Thing" entfesseln die Petrol Girls auf ihrem Debütalbum "Talk Of Violence" nun einen wahren Posthardcore-Sturm weiblicher Selbstermächtigung: Geräusche von einer Demonstration und „We shut you down!“-Sprechchöre sind das Erste, was der Hörer in "False Peace" zu hören bekommt. Erst nach zehn Sekunden erhebt sich dann aus dem Gitarren-Tremolo ein dynamischer Posthardcore-Smasher, in den Frontfrau Ren Aldridge Zeilen hineinbrüllt, die die feministische Sache nicht von Klassenkampf und sozialen Fragen trennen: „We will disturb the false peace/ Break the walls of the wealthy/ Threaten the dominant.“ Auch in "Treading Water" meint der Albumtitel mehr als nur Vergewaltigung, ein Dutzend Formen von unterdrückerischer Gewalt brüllen sich Aldridge und Gitarrist Joe York hier in phänomenalem Wechselgesang zu. „It’s my body and my choice“, schreit die Sängerin dann in "Touch Me Again" zum massiv walzenden Hardcore-Metal-Refrain, nach dem letzten Ton bricht der Songtitel noch vier Mal aus ihr heraus – genau so, wie einst Zack de la Rocha am Schluss von "Know Your Enemy" seinen gerechten Zorn nicht bändigen konnte. Der Sound dazu stürmt und wütet sich atemlos durch ein dichtes Referenzgeflecht: Die an Propagandhi geschulten War On Women haben ihre Spuren in metallischen Melodic-Hardcore-Momenten hinterlassen, den weiblich-rotzigen Punkrock-Widerstand gäbe es ohne die Riot Grrrls nicht, den klassischen 80er-Hardcore würdigen die Petrol Girls auch auf dem Albumcover mit einer umgedeuteten Hommage an Black Flags "Damaged". Die Haken schlagenden Rhythmus-Kapriolen des Posthardcore wiederum kennt man so von At The Drive-In, und wie Hardcore und politische Agitation in Vollendung aussehen, haben Refused demonstriert. Dass in die Ritzen zwischen all dem etwa im großartigen "Harpy" auch noch milde Indierock-Einschübe passen, hält dieses explosive 30-minütige Manifest gegen die Penis-Leitkultur bis zum letzten Augenblick spannend.

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