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0 Autor: Florian Zandt

Alcest - Kodama

Kodama
  • VÖ: 30.09.2016
  • Label: Prophecy Productions
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 283 - Schönheit der Ausgabe

Black Metal ist Krieg. Auf ihrem fünften Album strecken Alcest dem rasenden und tobenden Genre mit beinahe versöhnlich klingendem Postrock und einem konzeptuellen Überbau die Hand zum Friedensschluss entgegen.

Neige, die graue Eminenz hinter Alcest, kann im Vorfeld noch so viel darüber erzählen, wie viel düsterer und druckvoller als Shelter das neue Album geworden sei: verträumter, zugänglicher und soundmäßig fokussierter als hier, waren die Blackgazer nie. Das liegt zum großen Teil daran, dass in ihrer Musik neuerdings der erste Teil der Genreverschmelzung, die Bands wie Deafheaven und Wolves In The Throne Room ins popkulturelle Kurzzeitgedächtnis eingehämmert haben, beinahe komplett ausgedient hat. Black Metal überlebt die musikalische Evolution der Franzosen auf Kodama lediglich in den eingestreuten Kreisch-Passagen, die sich aber vor allem im Hintergrund abspielen und mehr an die Postrock-Screamo-Vermenger Envy als an Black-Metal-Urgewalten erinnern, und in den kurzen Blastbeat-Gewittern im passend Oiseaux de proie (zu Deutsch: Raubvögel) betitelten Song und in Je suis d‘ailleurs. Stattdessen entwickeln sich Alcest bereits mit dem eröffnenden Titeltrack stärker in Richtung sphärischer, raumgreifender Postrock mit Shoegazing-Elementen, den sie im letzten Drittel mit süßlichem, männlich-weiblichem Doppelgesang garnieren. Dieses gesangliche Stilmittel führt allerdings ein wenig in die Irre, denn thematisch und textlich bleibt auch Kodama, das seinen Namen den japanischen Baumgeistern entlehnt hat, schwere Kost. Der hypnotische Mystizismus, der das Album wie ein blickdicht gewobener Mantel umhüllt, speist sich nicht nur aus dem Studio-Ghibli-Meisterwerk Prinzessin Mononoke und seiner Verhandlung des Gegensatzes zwischen Natur und Kultur. In Je suis d’ailleurs vertonen Alcest zudem die Kurzgeschichte Der Außenseiter von Horror-Urvater H.P. Lovecraft – eine Parabel über Ausweglosigkeit und das Gefühl, nicht dazu zu gehören – mit schleppend-melancholischer Gitarrenarbeit zwischen halligem Postrock und wuchtigem Post Metal mit beinahe sakralem Gesang im Hintergrund. Untouched hingegen stapelt tribalistisch anmutende Gesänge auf sich behutsam aufschichtende Melodien. Das Schlüpfen aus ihrem eigenen Kokon, das die Band im entsprechend betitelten Éclosion thematisiert, gelingt Alcest letztendlich weniger durch den konzeptuellen Überbau, als dadurch, dass sie sich auf vielsichtige Weise vom zum Trend ausgerufenen Blackgaze lossagen – durch die Fokussierung auf gut und gelungen erzählte Geschichten, vielschichtige Melodiebögen und einen beinahe spirituellen Anstrich, der ihrem Postrock-Shoegaze-Posthardcore-Hybriden ganz besonderen Glanz verleiht.

Leserbewertung: 11.0/12

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