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Russian Circles - Guidance

Guidance
  • VÖ: 05.08.2016
  • Label: Sargent House
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 281 - Platte des Monats

Ausgerechnet Brachialexperte Kurt Ballou weist Russian Circles den Weg ins Licht. So nah wie auf Guidance war das Trio aus Chicago der Perfektion ihres Post-Metal noch nie.

Instrumentale Musik beschneidet sich selbst. Während der tonale Verzicht auf Gesang mit Hilfe von Gitarre, Bass und Schlagzeug leicht wettgemacht werden kann, gibt es für die Inhalte von Songtexten kein echtes Äquivalent. Wer etwas über die Musik Hinausgehendes kommunizieren möchte, muss Songtitel und Albumcover zur Hilfe nehmen. Und da schöpfen Russian Circles auf "Guidance" aus dem Vollen. Das Foto auf dem Cover der Platte wirkt wie eine Fotoaufnahme aus dem Kambodscha des Pol Pot, als die Roten Khmer das Land terrorisierten. Songs wie "Afrika", "Overboard" und "Lisboa" erzählen mit drei Worten und in 18 Minuten mehr über die Flüchtlingskrise auf der Welt, als so mancher am Agitprop geschulte Punk wahrhaben will. Russian Circles sind inzwischen fast perfekt darin, in raumgreifenden Songs riesige Gemälde vor dem inneren Auge entstehen zu lassen. So baut sich etwa "Afrika" langsam auf, verfügt über eine fast feierliche Stimmung, ist zunächst luftig und hell, bis sich eine verzerrte Wah-Wah-Gitarre dazwischen schiebt und Brian Cooks Bass finster grollt, aber eher so, als würde er das tägliche Gewitter während der Regenzeit ankündigen. Blitz und Donner bleiben aus, stattdessen legt sich eine fiebrig-schwüle Spannung über den Song. Er steht unter Druck, entlädt sich aber nicht, sondern wird in das trügerisch sanfte "Overboard" überführt. Der leiseste Song des Albums ist schön und schrecklich zugleich, in Verbindung mit "Afrika" evoziert er Bilder von gekenterten Flüchtlingsschiffen im Mittelmeer. Er vermittelt mit seinen cleanen Gitarren und dem deutlich hörbaren Rutschen der Finger übers Griffbrett eine trügerische Ruhe. Dazu weht eine Snaredrum von ganz weit weg hinüber, und der Bass ist ausnahmsweise einmal nicht verzerrt. Über den brachialen Umweg "Calla" – alle Songs des Albums gehen ineinander über – endet die Geschichte in "Lisboa", der Stadt des Lichts und dem grandiosen Finale dieses Albums. Mit ein wenig Recherche lässt sich noch mehr in die Titel des Albums hineininterpretieren: Viele Songs tragen den Namen von Orten, die auf die eine oder andere Art zu den Verlierern der Globalisierung gehören. Das würde aber vielleicht zu weit führen, schließlich wollen Russian Circles nur „den Soundtrack zu den richtigen Dingen bereitstellen“, wie Gitarrist Mike Sullivan im Interview ab Seite 38 sagt. Auch ohne politischen Subtext funktioniert das Album hervorragend. Dazu hat vor allem die Zusammenarbeit mit Kurt Ballou beigetragen: Er hat die Band räumlich neu ausgerichtet. Schlagzeuger Dave Turncrantz sitzt jetzt noch weiter vorne auf der Bühne, ist beinahe körperlich präsent, während Mike Sullivans Gitarre in den entscheidenden Momenten oft ganz nach hinten rückt, etwa wenn in "Vorel" das erste Mal die sehnsüchtige Gitarrenmelodien zu hören ist, die den Song im Hirn einbrennt – ganz ohne Text.

Leserbewertung: 10.3/12

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