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0 Autor: Daniel Gerhardt

Bob Dylan - Tempest

Tempest

Man kann sich gut vorstellen, wie "Tempest" beim Tanztee im Seniorenheim das Blut der Alten in Wallung bringt. Bob Dylan blickt dazu grimmig übers Keyboard und singt von Tod und Verderben.

Sein (wie man sagt) 35. Album klingt eigentlich noch mehr nach Altherrenrunde als sein 34., es fühlt sich aber viel weniger danach an als "Together Through Life", das ihm 2009 entgleitet war Richtung Schunkeligkeit und Selbstzufriedenheit. Diesmal schielt die Musik auf Ragtime, Irish Folk und Ursprungsblues, die Röchelstimme pendelt sich ein zwischen Louis Armstrong und einer weniger cartoonhaften Version von Tom Waits. Vor allem ist "Tempest" aber wieder verbissen und hat schmale Lippen, ein Album, das sich scheinbar würdevoll im Wind wiegt, während Dylan den Leuten und der Liebe beim Sterben zuguckt. "Soon After Midnight" und "Narrow Way" zum Beispiel kommen hintereinander und sind quasi das Gleiche, einmal in romantisch und dann mit den ganzen Schweinedetails. Dylan beim Motorboating, das ist schon okay, genial wird "Narrow Way" aber erst, weil jeder Mensch den Gitarrenteil des Songs nach fünf Minuten nachspielen könnte, aber niemand sonst so ein Lied schreiben wird in den nächsten 50 Jahren. "Duquesne Whistle" glaubt man hingegen schon vom Wundergitarristen aus Woody Allens "Sweet And Lowdown" zu kennen, das erhaben in sich versunkene Titelstück ist ellenlang, braucht aber immer noch drei Stunden weniger für den Untergang der Titanic als James Cameron, und "Roll On John" ist für John Lennon am Ende, unter anderem und vielleicht. Noch mal sieben Minuten lang hebt und senkt sich dieses Lied wie ein Brustkorb, seine Snaredrum hinten raus erzählt eine eigene Geschichte, dann kommt endlich alles zum Erliegen.

Bewertung: 9/12
Leserbewertung: 8.5/12

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