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0 Autor: Matthias Möde

Vierkanttretlager - Die Natur greift an

Die Natur greift an

Vierkanttretlager paaren Verzweiflung, Verachtung und Vergänglichkeit auf ihrem Debütalbum mit Sven-Regener-Weisheiten und klingen dabei weder altklug noch unreif. Sie definieren lieber ihr eigenes Dazwischen.

Zwischen jung und alt, zwischen Jetzt und Irgendwann, zwischen Blumfeld, Kante, Tocotronic und Element Of Crime. Zwischen Poetik für den Deutschunterricht und Parolen für die Lederjacken einer noch zu gründenden Jugendbewegung. Zwischen den Zeilen ist nur ein Beispiel dafür: "Es wird langsam eng zwischen den Zeilen/ Wir können und wollen hier nicht mehr bleiben/ […] Und alles sieht besser aus, wenn man nicht hinsieht."
Sänger und Neu-visions-Autor Max Leßmann, dieser schlaksige und irgendwie unscheinbare Typ, der viel zu abgeklärt wirkt für sein junges Alter von 20 Jahren, trägt nicht nur einen Namen wie ein längst verstorbener großer Dichter, sondern droppt auch gleich im Opener Drei Mühlen solch wohlklingende Worte und Zeilen wie einer: "Stimmungsmusik in der Bauzaunvermietung", "Blutige Nasen in Einrichtungshäusern/ […] Und nebenan auf der Windparkeinweihungsparty/ Da wird nicht geraucht." Außerdem unterbricht er die "Die Natur greift an"-Trilogie am Ende des Albums mit dem 46-sekündigen Sprechstück In jedem seiner milden Blicke. Ein Gedicht. Mutig, keineswegs unangenehm oder gar peinlich. Damit macht sich Leßmann nicht gleich zum nächsten Jochen Distelmeyer – dazu fehlen ihm ohnehin ein Kamm und die immerwährende Liebe auf den Lippen –, aber er musiziert mit seiner Band irgendwo zwischen den jungen, ablehnenden und den erwachsenen, kunstvolleren Tocotronic-Songs. In Um Schönheit zu sehen (Die Natur greift an I) klingen sowohl die Gitarre als auch der Text („Die Lösung selbst ist das Problem“) und die Art des Gesangs nach Tocotronic ab 2005.
Leßmanns Zeilen sind weit interpretierbar. Um die Richtung zu erkennen, in die sie deuten, muss man sie aber gar nicht bis ins Detail beleuchten. Zuhören reicht. Das Jugendliche und Verachtende, das an die ersten drei Tocotronic-Alben erinnert, bricht ohnehin immer wieder durch: "Das hab’ ich nicht. Das will ich nicht. Das brauch’ ich nicht. Das nehm’ ich nicht mehr." Die Kombination aus verzweifelter Wiederholung ("Hallo, Hallo, Hallo-o-o" in Nur die Sonne) und (aus)brechender Stimme, gepaart mit Sven-Regener-Wein-Weisheiten macht die Einzigartigkeit dieses Albums aus. Obendrein warten hinter jeder gut gesetzten Pause das nächste greifende Riff oder der passende Rhythmus. Das passt. So perfekt, dass man den gesungenen Gastbeitrag von Casper in Hooligans vielleicht gar nicht erwähnen sollte.

Leserbewertung: 9.7/12

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