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19 Autor: Daniel Gerhardt

La Dispute - Wildlife

Wildlife

Hardcore fürs offene Herz und danach: Aus At The Drive-In mussten Sparta und The Mars Volta werden. La Dispute sind alle drei und sie selbst in einer klugen, unaufhaltsamen Band.

Ausgerechnet im Hardcore, wo die Konzerte von oben schon mal aussehen wie eine Bud-Spencer-und-Terence-Hill-Convention, rechnet man nur selten mit Platten, die einen erschlagen. Trainingslager für die Gigs, ja, kompakt formulierte Botschaften und Lebensanleitungen in Mittagspausenlänge. Aber nichts wie Wildlife. Das zweite Album von La Dispute aus Grand Rapids/Michigan besteht aus 14 Kurzgeschichten und der Geschichte des Geschichtenschreibers als Rahmenhandlung, es gibt vier an den Hörer adressierte Monologe und damit einen Überbau wie sonst höchstens bei Bands, deren Namen hier gar nicht genannt sollen, weil sie nur abschrecken würden. Mathrock und eine Schwäche für Extraschleifen haben vor drei Jahren schon zum La-Dispute-Debüt gehört. Der Nachfolger nun zieht noch ein paar Schrauben nach, bündelt und verfeinert die Stärken und lässt die Verspieltheiten dort weg, wo La Dispute noch nach den Kindern klangen, die sie ja eigentlich sind. Wildlife ist also zunächst mal vor allem beeindruckend, ein ernsthaftes, dicht gepacktes 57-Minuten-Album ohne Refrains oder Verschnaufpausen, auf dem kein Song dort endet, wo er angefangen hatte. Die Stücke haben wenig Luft, die einzelnen Teile sind streng und komplex strukturiert, die Übergänge meistens fließend. Und Jordan Dreyer singt fast immer, er ist präsent im doppelten Wortsinn, aber er ist nicht außer Kontrolle, nicht mal wenn sich sein Gesang überschlägt, was er ohnehin fast immer tut. Dreyer ist gesegnet mit einer gesunden Grundhysterie, die schon reichen könnte im Hardcore, aber er arbeitet auch an und mit seiner Stimme, macht sie vor allem in den Sprechpassagen zum dritten Rhythmusinstrument und zwingt umständliche Formulierungen in freie Versmaße, ohne das Schwierige daran auf dem Hörer abzuladen. Es ist ein bisschen blöd, die gesungenen Worte auf Wildlife zu zählen, aber auch verlockend, und ja, es sind fast 6.000, und nein, Dreyer hat kein einziges davon zu verschenken. Wildlife handelt von Inspiration und Schreibblockaden, Krebs und Grammatik, Religion, Ratlosigkeit und Bandenkriminalität; es ist mehr Michael Moore als Sufjan Stevens in der Sicht auf seine Kleinstadt in Michigan, es funktioniert aber auch, wenn einen das alles gar nicht interessiert. "Edit Your Hometown" blamiert Billy Talent selbst ohne Blick aufs Textblatt, "Harder Harmonies" bietet "At The Drive-In" die Stirn, "A Broken Jar" kann sich das Flamenco-Gitarrensolo gerade noch verkneifen, und "King Park" spätestens führt einen ganz automatisch zu den Dingen, auf die es wirklich ankommt. Die wahre Geschichte eines Drive-by-Shootings und seiner Kollateralschäden steckt so voller Details und Perspektivwechsel, die sich perfekt mit der lautmalerischen Musik dazu ergänzen, dass man den Song besser gleich mit der Fernsehserie The Wire als mit irgendeiner anderen Rockband vergleicht. La Dispute bleiben selbst hier standhaft im eigenen Sturm; auf dem Höhepunkt ihrer Platte dürfen sie deshalb auch mal eine Frage stellen, zu der sie keine Antwort wissen. „Can I still get into heaven if I kill myself?“ Das muss immer noch Brian Fallon entscheiden.

Leserbewertung: 9.6/12

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Kommentare (18)

Avatar von soundscape soundscape 21.10.2011 | 16:16

Die Zukunft von HC? Klingt für mich mehr nach tausendmal da gewesenem Müll.
Voll der Schrott.

Avatar von pippo_85 pippo_85 24.10.2011 | 20:51

diese selbstbeweihräucherung könnt ihr euch bitte bald wieder sparen. genauso wie den pathos dieser band.

Avatar von Moik Moik 25.10.2011 | 13:52

grandiose Band, starke Lyrics, endlich mal wieder etwas, was mich richtig packt!
kann meine Vorredner in keinster Weise verstehen!

Avatar von Kayumars Kayumars 25.10.2011 | 15:13

Die Leute die La Dispute schlecht finden, sollten erstmal Englisch lernen. So intelligente Lyrics gibt es selten. Schon das erste Album "Vancouver" ist sehr zu empfehlen.

Avatar von TheDeftone TheDeftone 26.10.2011 | 08:49

Dass es sich hierbei um ein sehr gutes Album handelt steht ausser Frage.
Aber hier von "wichtigster Musik" des Jahres zu sprechen ist anmassend, in Kombination mit der Tatsche, dass ihr diese vveröffentlicht.
Mir ist zwar bewußt, dass ihr Schreiberlinge dazu tendiert immer mal wieder das "next big thing" auszurufen, hier jedoch, in dieser Weise ist es einfach nur peinlich.

Es handelt sich bloss um ein sehr gutes Hardcore/Indie-Rock Album. Wenn dieses hier so wichtig ist, was waren/sind dann "The Shape od Punk..." und "After the Eulogy" gewesen? Wenn sie von euch released worden wären, wahrscheinlich die besten Platten aller Zeiten ;-).

Und ausserdem: Was soll dieser "The Wave"-Mist. Wieder mal so eine Musikautorenausgeburt des Schwachsinns wie "Metalcore" und "New Wave of Heavy metal" u.ä.?
La Disput sind blos eine weitere Bans neben Modern Life is War, Have Heart, Defeater und Konsorten, die emotionalen Hardcore spielen, dabei ohne dabei in die Blödelsparte "Emo" zu fallen.

Avatar von DerDaniel DerDaniel 26.10.2011 | 09:24

Was hier als Selbstbeweihräucherung wahrgenommen wird, ist eigentlich nur ehrlich empfundene Begeisterung für "Wildlife" und, ja, natürlich auch Stolz darüber, dass es geklappt hat, das Album zusammen mit unserer neuen Ausgabe zu veröffentlichen. Wir sind wahnsinnig froh darüber, und dann schreiben wir's halt auch so und klingen ausnahmsweise auch mal vollmundig. :)

Ich finde es auch gar nicht so vermessen, das Album in eine Reihe mit "The Shape Of Punk To Come" oder "After The Eulogy" zu stellen. Für die meisten von uns hier im Büro hat "Wildlife" mit diesen Hardcore-Klassikern gemeinsam, dass es die Grenzen des Genres übertritt oder neu zieht, je nachdem, und dass es vor allem das Potential hat, auch Leuten außerhalb der "Szene" zu gefallen. Das war ja auch ein entscheidendes Merkmal von bspw. "The Shape Of Punk", fast alle konnten sich drauf einigen. Ob "Wildlife" nun den gleichen Impact haben wird, bleibt natürlich abzuwarten. Wir sehen auf jeden Fall die Chance.

Und die ganze "The Wave"-Sache kommt meines Wissens ausnahmsweise nicht von Musikjournalisten, sondern den Bands selbst.

Avatar von Olinho Olinho 26.10.2011 | 14:39

muss mich meinem vorposter anschließen: gut gemachte musik ausser frage, auch textlich gelungen...der gesang klingt aber meiner meinung nach in jedem lied nach verzweiflung. auch die musik hat zu wenig kraft um andere emotionen zu transportieren. insgesamt würde ich die platte nicht als hardcore bezeichnen wollen und meilenstein ist ja auch eine gewagte bezeichnung. wenn die band mal die keule auspacken würde und der sänger bei lou koller in die lehre geht wird das vielleicht ja noch was...

Avatar von haneldp haneldp 27.10.2011 | 11:03

in so einer diskussion kann man sich schon mal hart verfahren. die meilensteinfrage dürfte die zukunft beantworten, niemand sonst. ich glaube einfach daran, dass viele die erwartung haben, dass jene entwicklung eintreten wird, da das vorgängeralbum der eigentliche meilenstein ist. vielleicht nicht bei der masse der europäer. aber wer bei einem der ersten europakonzerte letztes jahr im juli dabei war weiß, dass sie heiß erwartet wurden. und das war kein zufall.
wer sich die sache mit "the wave" ausgedacht hat weiß ich nicht, eigentlich aber eh egal. es handelt sich dabei ja um bands die sich bereits persönlich kannten bevor das alles zu zerkaut wurde. bands wie "native", "pianos become the teeth" oder "touche amore" wurden mir zumindest entweder von freunden zugetragen oder durch links auf seiten einer jeweils anderen band. aber von "the wave habe ich diesen monat auch zum ersten mal gehört. glaubt man wikipedia.com so ist es korrekt, dass der begriff von den bands selbst geprägt wird.
aber diesem thema würde wohl ein eigener artikel gebühren um das zu klären. ich bin jedenfalls nach wie vor gespannt auf das album. lange habe ich mich darauf gefreut und ich harre aus, bis die platte eintrifft. das soll mir mal niemand nehmen. trotzdem interessant wie der konkurs sich hochschaukelt. es wäre zufriedenstellend wenn es mal wieder jemand schafft sich länger in die gemüter einzubrennen als für 2 monate.

Avatar von 0815 0815 27.10.2011 | 18:28

Die Zukunft des Hardcore - Na gute Nacht !
Danke das ich die Anfänge von Hardcore mitbekommen und die Entwicklung bis heute verfolgt habe. Das hat Hardcore Musik nicht verdient.
Bitte VISION ( und La Dispute) macht diese Musikrichtung nicht kaputt, mit eurer unqualifizierten Einordung. Nehmt für diese Band ein anderes Genre, aber versucht nicht zukünftigen Generationen zu erzählen, sie würden Hardcor hören DAS IST KEIN HARDCORE!

Hardcore still lives!

Avatar von 0815 0815 27.10.2011 | 18:46

wäre doch mal ganz interessant, wenn man mal Lou Koller,Roger Miret oder Kid D. , Jack Kelly, Freddy Madball etc. mal die Zukunft des Hardcores vorstellt. Wäre doch mal interessant, wie deren Meinung dazu ist :-)

Avatar von Libano Libano 29.10.2011 | 12:12

Wenn das die Zukunft des Hardcore sein soll, dann Nacht Mattes. Texte hin oder her, was sind gute Texte wert, wenn der Sänger ein in meinen Ohren fades Stimmchen hat, das so gut wie keine Modulationen bietet und damit jeden Spannungsbogen verhindert. Und instrumental gibt es eigentlich auch nur alten Wein und neuen Schläuchen. Zukunft klingt definitiv anders.

Da höre ich doch lieber gleich die Originale At The Drive In oder alte Heroen à la Sick of it all, Refused oder den guten alten Henry.

Übrigens neue Musik:
ist ein vollkommen anderes Genre und ohne Gesang, aber da passiert in einem Stück mehr, als bei La Dispute auf dem ganzen Album: Animals As Leaders.
Neues Album kommt im November. Wer sie live sehen kann sollte hingehen.
Das Konzert im Vorprogramm von Between The Buried And Me im September in Köln war für mich, trotz technischer Probleme, mit das Beste, was ich dieses Jahr gesehen und gehört habe.

Avatar von kreisklassenkicker kreisklassenkicker 29.10.2011 | 17:08

Ich steige hier nicht in die Genrediskussion "Hardcore" ein, möchte nur kommentieren, dass mich die Musik und die Texte von "La Dispute" angehen und das steht für mich bei einem Album im Vordergrund des Interesses.
Ob Zeitschriften der richtige Weg für die Veröffentlichung einer CD sind, wage ich zu bezweifeln... Auch aus der Sicht einer Band halte ich das für fragwürdig. Will ich denn als Musiker allen Lesern einer Zeitschrift untergejubelt werden oder lieber von Interessierten im Handel erworben werden? Demnächst legen vielleicht Deutschlands "Superstars" ihre CDs in die BRAVO oder Bohlen seine Tonträger in die BILD. Das gibt einen Haufen verdienter Nr. 1-Hits für einen minimalen Aufpreis...

Avatar von Ullerich Ullerich 29.10.2011 | 20:28

Einfach locker bleiben.

Geiles Album und das noch umsonst!!! THANX.

Finde viele Anleihen in der frühen 80er. The Ex, Fehlfarben...

Einfach spanned bei jedem neuen Anlauf...
Also genießt es und hört auf zu mosern.

VISIONS macht wieter so, ihr dürft auch mal übertreiben..

Avatar von Ralf Winking Ralf Winking 30.10.2011 | 09:44

Ich bin überascht. Nach At the Drive-In hatte ich dieses Genre längst abgeschrieben und hatte mich auf die Suche nach anderer guter innovativer Musik begeben und bin eher bei Electro, Jazz und ähnlichem gelandet.
Hätte Visions die CD nicht beigelegt, hätte ich nicht reingehört. Ich wäre davon ausgegangen, dass es auch mal wieder so eine seelenlose kopierte Variante gewesen wäre. Aber die Band hat mich positiv überascht.
Ob jetzt Hardcore oder Rock/Indie-Rock ist doch egal. Sie erfinden das Genre auch nicht neu, aber wie sie alles dagewesene zusammenfügen ohne zu langweilen, mit wieviel Herzblut nicht nur der Sänger dabei ist, das ist schon spannend und reißt mit!

Avatar von hearmymusic hearmymusic 03.11.2011 | 18:21

Als ich die CD eingelegt habe, die ersten Sekunden gehört habe, dachte ich das Album scheint ganz gut zu sein, doch dann kam der Gesang. Der Gesang ist einfach nur schrecklich, wie ich finde. Er macht die das gute Songwriting einfach nur kaputt. Dynamik im Gesang fast Fehlanzeige und wäre bei vielen Song nicht nur passend. Diese Monotonie des, dazu auch noch schlechten, Gesangs ist für das Album einfach nur tödlich.
Musikalisch kann man dieses, meiner Meinung nach, nicht als Vorreiter für irgendwas ansehen, dafür klingen La Dispute viel zu sehr nach At-The-Drive-In.

Avatar von FONZY FONZY 09.11.2011 | 22:27

Verdammtes Brett dieses Album. Habe seit der Full Collapse keine solche Emotion und Verzweiflung mehr auf einem Album gehört. Finde es auch gut und richtig, dass Visions das Album dermaßen promotet.

Avatar von lefreak lefreak 21.02.2012 | 20:06

Ich finde es super dass Visions eine junge, textlich spannende Band unterstützt. Schon mit eurer letztjährigen Wahl von Portishead's "3" zum Album des Jahres habt ihr polarisiert und so tut es auch die Wahl von "Wildlife". Persönlich halte ich das Album für einen furchtbare Zeitverschwendung und kann in keiner Weise nachvollziehen was euch an dem Krach gefällt. Nach gut 10 Jahren Visions kenne ich mich im HC Bereich auch ein bissrl aus und denke dass die Band zwar Grenzen überwindet, diese aber so minim sind, da wirken Bands wie Horse the Band geradezu revolutionär dagegen. Der Sänger verfügt über eine der nervigsten Stimmen und klingt wie ein quäkender Teenie der von Mama Hausarrest gekriegt hat. Die Musik hat keinen Druck, wirkt unzusammenhängend und ich kann bei den "einzelnen" Songs kaum einen Unterschied raushören - das hier ist nur n grosser schleimiger Brei. Conclusion: Wenn das das Album des Jahres war, ist es ein verdammt beschissenes Jahr gewesen. Es gibt sicher noch die eine oder andere Band die auch jung ist und den support sicherlich mehr verdient hätte.... vielleicht findet ihr sie im 2012.

Avatar von BauPlan BauPlan 11.10.2013 | 21:19

Jetzt bin ich etwas über 50, etwas versiert in Sachen Musik, nenne ca. 2.000 Schallplatten und ca. 1.400 CD`s mein eigen und meinte, dass so vieles nicht mehr kommen würde.
Diese Platte wirft mich um! Das anhören derselben lässt mein Gehirn Purzelbäume schlagen, Pendelschläge von links nach rechts, von positiv zu negativ (nicht auf die Platte bezogen), von weinen bis freuen, von Power bis Depressionen, Gefühle über Gefühle!
Einfach schön!!!!!
Wenn andere Kommentare schreiben: "Es handelt sich bloss um ein sehr gutes Hardcore/Indie-Rock Album" muss ich für mich sagen: Eines der besten Musik, die ich je gehört habe!!!!
Bitte, La Dispute, gebt mir mehr!!!!

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