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0 Autor: Jochen Schliemann

Guns N' Roses - Chinese Democracy

Chinese Democracy

Ende eines Witzes

Viele meinen, es war besser vor seiner Veröffentlichung: "Chinese Democracy", das rund 15-jährige Phantom der Rockgeschichte, das nun erschienen ist. Aber es ist nicht alles schlecht an am "neuen" Guns-N’Roses-Album.

So ist sich zum Beispiel die Welt endlich mal wieder einig: "Chinese Democracy" ist scheiße. Alt. Satt. Uncool. Komplett drüber. Das verschleppte Werk eines Ex-Rockstars, der den Schuss nicht gehört hat: Axl Rose. Und wie auch sollte ein Album nach rund 15 Jahren Entstehungszeit und 15 Millionen Dollar Produktionskosten die Erwartungen erfüllen? Vor allem wenn es der Künstler selbst mit so viel Geld nicht geschafft hat, ein Orchester zu engagieren, sondern weiterhin auf Keyboard-Streicher zurückgreift. Selbige stammen übrigens vom neben Axl Rose einzigen verbliebenen Bandmitglied aus den heißen Tagen: dem Tourkeyboarder Dizzy Reed.

Und damit wären wir schon beim ersten und größten Problem dieser Platte: Das hier ist kein Guns-N’Roses-Album. Also – eines jener Band, die Ende der 80er und Anfang der 90er die Rockband war. Schmutzig und asozial aber erfolgreich mit "Appetite For Destruction" (1987), tendenziell größenwahnsinnig aber genial mit dem zweiteiligen "Use Your Illusion" (1991) und mit allein 30 Platin-Schallplatten in den USA und öffentlichen Exzessen genau das, was Rockstars sein sollen. Und jetzt? In einem jahrelangen Rechtstreit mit seinen einstigen Freunden Duff McKagan (Bass) und Slash (Gitarre) sicherte sich Axl Rose die Rechte am Namen. Der sieht auch tierisch aus auf dem Cover von "Chinese Democracy", das in der Tradition aller GN'R-Artworks steht. Aber davon ab ist das hier nur eines: die viel zu späte Soloplatte des Sängers dieser Band.

Wenn man "Chinese Democracy" erstmals hört, ist das so, als wenn man einen alten Bekannten wiedertrifft. Dreht man sich um, nur weil er sich ewig nicht gemeldet hat? Weil er vielleicht sogar ein paar Böcke geschossen hat? Oder interessiert man sich zumindest ein wenig dafür, was aus ihm geworden ist und warum? Gibt man "Chinese Democracy" diese Chance, ist das Ergebnis zumindest kein einseitig schlechtes Bild. Es ist eher ein Wechselspiel aus krassen Enttäuschungen und vereinzelten Höhenflügen, aus bitteren pseudo-modernen Fehlschlägen aber eben auch immer noch vorhandenen Qualitäten. "Street Of Dreams" ist nichts weiter als ein wirklich guter Guns-N'Roses-Song im Stile von "Use Your Illusion". Klavier, Streicher, Balladeskes und die gleiche positive, lebenshungrige Note, die auch schon "Estranged" oder "November Rain" auszeichnete. Fehlt nur noch ein auf dem Piano solierender Slash. Direkt darauf folgt allerdings "If The World", eine unfassbar glatte RnB-Nummer, samt vereinzelten Metalriffs – fürchterlich. Auch "Shackler's Revenge" und "Scraped" enden als gescheiterte Schritte in die Zukunft, während "Riad N' The Bedouins" ein tatsächlich mitreißendes Gitarrenstück aus Breaks und schrägen Harmoniewechseln ist.

So geht es auf und ab. Wer in den richtigen Momenten weg- und hinhört, wird zudem irgendwann die Texte wahrnehmen, in denen Axl Rose manchmal wirkt, als wolle er etwas erklären. Seine Sicht der Dinge. Zum ersten Mal seit über 15 Jahren wäre das der Fall, denn mit der Öffentlichkeit spricht er schon lange nicht mehr. "Chinese Democracy" ist mindestens ein Lebenszeichen von Axl Rose. Ein abstraktes, ein extrem durchwachsenes, ein tatsächlich komplett uncooles. Aber immerhin doch ein bisschen besser als der Running Gag, den es jetzt durch sein Erscheinen beendet hat.

Bewertung: 6/12
Leserbewertung: 6.7/12

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