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1 Autor: Oliver Schröder

Travis - Ode To J. Smith

Ode To J. Smith

In Frank Goosens Roman "So viel Zeit" sitzt der gealterte Rockfan im Auto, hört Travis. Ihm fällt auf, dass er Musiker mag, die ihre Songs ganz unironisch ernst meinen.

Trotzdem würgt er Fran Healey nach nur zwei Nummern ab, weil es ihm dann doch zu viel

des Guten wird. Das Ausdrehen von "Driftwood" wird zum finalen Wendepunkt für die

Protagonisten; zum Anlass, den Hintern hochzukriegen, endlich mal nach vorne zu sehen

und einigen Menschen gehörig in den Arsch zu treten. Healeys oft belächelte

Weinerlichkeit als Metapher für Stillstand, Selbstmitleid oder Langeweile ist ein

unfairer Griff in die literarische Trickkiste. Auf der anderen Seite konnte man noch

nie damit angeben, Travis wirklich toll zu finden. Schnell geriet man unter allgemeinen

Harmonieverdacht, wurde von Spöttern in die Schublade der sentimentalen

Tränenverkneifer gesteckt, die auf Konzerten der Schotten wildfremde Leute in den Arm

nehmen. Als mit "12 Memories" auch noch die Songs schlechter wurden, geriet es fast

unmöglich, das blauweiße Fähnchen mit Stolz durch die Luft zu schwenken. "Ode To J.

Smith" soll wieder zur ursprünglichen Rockfrische des Debüts zurückfinden, nachdem

selbst Healey einräumte, der Bandsound sei in den letzten Jahren zu glatt ausgefallen.

Um Verzögerungen durch die bevorstehende Vaterschaftspause des Bassisten Dougie Payne

zu umgehen, musste das komplette Album innerhalb von drei Monaten auf die Beine

gestellt werden. Lästerer könnten entgegenhalten, dass der Kleine nicht mal aufgewacht

wäre, wenn sich Payne ihn einfach umgebunden und mit in den Proberaum geschleppt hätte.

Der Zeitdruck wirkte sich durchaus positiv auf die Arrangements aus: Von überflüssigem

Schnickschnack und übertriebener Weichzeichnerei befreit, kann der spürbar rauere Sound

den ewig süßen Vocals endlich mal wieder Paroli bieten. Kaum ein Song droht aus

Schmalz-Überfrachtung zu kentern, auch wenn das Wasser gelegentlich bedrohlich nah zu

kommen scheint. Ihr vor Jahren gegebenes Versprechen "All I Wanna Do Is Rock" wird

endlich mal wieder eingehalten. Ab und zu können die Schotten dann doch nicht vom

Schwelge-Fass lassen: Beim Finale von "Before You Were Young" zum Beispiel spürt man

plötzlich die sanfte Hand eines Fremden auf der Schulter. Goosen hatte offenbar doch

Recht: Auch Healey hat den Hintern noch mal hoch gekriegt, und damit vermieden,

endgültig in der Versenkung der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Wahrscheinlich hat

er in der letzten Zeit weniger "Driftwood" gehört.

Bewertung: 7/12
Leserbewertung: 7.0/12

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Kommentare (1)

Avatar von records records 18.05.2015 | 15:26

Wenn man die 3 Schnulzen "Last Words-Song to self-Before you were young" überspringt ein ganz passables Werk. Es fällt jedoch auf, dass die Songs gegen Ende jeweils nerven, nachdem die Refrains viel zu lange ausgedehnt werden. Die Lösung: Ausblenden und man erhält ein schönes Mini-Album mit guten Songs von 20 Minuten Länge. Meine Favoriten "J.Smith" und "Get up"

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