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Attack In Black - Marriage

Marriage
  • VÖ: 05.09.2008
  • Label: Hassle/Rough Trade/Pias
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 187 - Platte des Monats

Zwischendurch entdeckt man sie doch noch, diese besonderen Platten, die einem sofort ans Herz wachsen, daran kleben bleiben. Anders kann man „Marriage“ nicht beschreiben.

Denn über den Werdegang von Attack In Black ist zumindest hierzulande bislang nur wenig bekannt. Das kann passieren, wenn man aus einem kanadischen Kaff wie Welland/Ontario, einer 50.000-Seelen-Einöde, stammt. Und dann kann es halt auch manchmal etwas dauern, bis so ein Debütalbum bis zu uns durchdringt. Selbiges wurde 2007 schon in ihrer Heimat und den USA veröffentlicht und war bislang nur ein weiterer Import-Geheimtipp unter einschlägig Informierten. Bis Hassle sich, nachdem man schon City & Colour und Cancer Bats für den hiesigen Markt gewinnen konnte, das Herz nahm, uns eine der schönsten Indie-Platten des vergangenen Jahres zu präsentieren. In der Zwischenzeit wurde der Rummel um Daniel Tavis Romano (v, g), Ian Daniel Kehoe (b), Spencer Arthur Burton (v, g) sowie Ian Andrew Romano (dr) in der längst informierten Presse losgetreten, so manches Titelblatt diente ihnen seitdem als Präsentierteller. Getourt wurde mit Alexisonfire, Moneen, Sparta und Built To Spill, und das, obwohl die Musiker – mit Verlaub – eigentlich noch so aussehen, als würden 80 Prozent aller Türsteher ihnen den Eintritt zu ihrem eigenen Gig verwehren. Und in all diesen Band-Verknüpfungen spiegelt sich ein Stück Realität von „Marriage“ wider. Das Referenzkontinuum für diese Platte ist relativ offensichtlich abgesteckt: Get Up Kids, Weakerthans, Death Cab For Cutie und Jets To Brazil – aber viel wichtiger ist das, was diese Platte zu keinem Zeitpunkt ist: Kopistentum, Nachahmerei. Hier spielt eine Band, die Eigenständigkeit in die Waagschale werfen kann. Allem voran dieser unfassbare Gesang, der zwischen den leisen Passagen und den beinahe kehligen schnelleren Momenten problemlos zu wechseln weiß. Immer mit dieser Spur heiserer Gebrochenheit, mit dieser unterdrückten Aufgekratztheit. Getragen von einem Songwriting, das sich keine Gedanken über große Konzepte macht, die Melodie in den Vordergrund stellt und sich angenehm unaufgeregt zeigt. Dabei kann man Lieblingsmomente ohne Ende entdecken. „Come What May“ ist so ein großartiger Opener, einer, der mit beiden Händen in den Endorphintopf greift, der sofort im Kopf die Schublade aufzieht, wie das war, als man das erste Mal „Something To Write Home About“ oder „Transatlanticism“ hörte. „Young Leaves“ hängt das Tempo tiefer und ist vielleicht der schwächste Song der Platte, weil er sich zu weit in etwas nöligen „Nananana“s verliert. Aber das ist einer unter zwölf Songs, und es gibt noch so vieles mehr zu entdecken – den grandiosen Punkt, wenn in „Hunger Of The Young“ das erste Mal der Refrain einsetzt, was Jimmy Eat World das Fürchten lehrt. Wenn die Kerzenromantik von „If All I Thought Were True“ von Gitarren durchbrochen wird. Darf man sich in ein Album verlieben? Ein klein wenig schon, gerade im Herbst. Nach Able Baker Fox schon die zweite große Überraschung. Manchmal läuft’s einfach.

Leserbewertung: 10.4/12

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