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0 Autor: Alexandra Brandt/Sascha Krüger

The Cardigans - Gran Turismo

Gran Turismo
  • VÖ: 19.10.1998
  • Label: Stockholm Records/Motor
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 71

Vier-Ohren-Test

Gibt es Menschen, die sich eine Cardigans-Platte anhören? Ich meine, nicht nur zwei oder drei ausgewählte Stücke, sondern ein ganzes Album, elf Songs hintereinander? Die Cardigans sind eine Single-Band. Haben immer ein paar Lieder, die man gerne mitsummt, Super-Mega-Sweetheart-Pop, aber wer gibt sich eine Sängerin wie Nina Persson länger als eine Viertelstunde? Sascha Krüger, klar, aber das heißt nichts, denn der würde jedem Mädchen verfallen, das ihm "Love Me, Love Me" ins Ohr haucht. Mit ihrem vierten Studioalbum lösen sie sich ein bißchen aus dem Easy-Pop-Rahmen, haben die Streicherarrangements weggelassen und alles etwas knarziger instrumentiert, die Gitarren braten schon mal quer durch die Songs, statt im glattgeschliffenen Gesamtbild unterzugehen. Doch, man kann feststellen: Ein Song wie beispielsweise "Marvel Hill" ist interessant gemacht, bemüht sich um atmosphärische Tiefe und ist fast schon düster arrangiert. Was bringt's? Wenig, ihr Süßen, denn wenn schon Cardigans-Pop, der in bestimmten Momenten des Lebens ja durchaus seine Berechtigung hat, dann lieber richtig, mit unendlicher Streicherhölle, "Anything For You"-Geseier und dreifach Schmier obendrauf. Etwas anderes wird die Band ohnehin niemals vernünftig hinkriegen, nicht mit dieser Stimme am Mikrophon. Brauche ich nicht, auch wenn ihr mich demnächst vielleicht mal zufällig die Melodie von "My Favorite Game" singen hört.
Alex Brandt

Tatsächlich höre ich mir Cardigans-Platten von vorne bis hinten an. Gerne sogar. Und ich kann auch nicht bestreiten, daß Ninas Stimme einen gewissen Einfluß auf das Wohlbefinden meines Gefühlslebens ausübt. Daß es Alex Brandt da anders geht, kann ich durchaus nachvollziehen, schließlich läßt es mich umgekehrt nicht weniger kalt, wenn irgendwelche proper aussehenden Latinlover mit Samtkissenorganen versuchen, mich oral anzuschmusen. Doch der besondere Reiz ihrer Musik liegt insbesondere bei "Gran Turismo" nicht nur in ihrer Beschützer-Instinkte weckenden Lolitastimme begründet. Vielmehr hat die Unbekümmertheit, mit welcher die Schweden ihre analog klingenden, simpel gestrickten und gerade deshalb so schönen Popsongs aus den Boxen träufeln, heutzutage leider ziemlichen Seltenheitswert. Dabei ist es grundsätzlich erstmal egal, ob es sich bei ihren akustischen Streicheleinheiten um fröhliche Bubblegum-Nummern oder, wie in diesem Fall, um herzzerreißend traurige, durch und durch melancholische Schmachtfetzen für Strohwitwer und Alleingelassene handelt. Pop bleibt Pop, und nur, weil sich die Vorzeichen geändert haben, muß die Rechnung noch lange nicht falsch sein. Will sagen: Was Alex nicht braucht, finde ich fast besser als je zuvor.
Sascha Krüger

Leserbewertung: 7.0/12

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