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25.02.2021 | 12:40 11 Autor: Michael Lohrmann RSS Feed

Nachruf von Michael Lohrmann: "Dirk Siepe war das Aushängeschild von VISIONS"

News 31422

Foto: Michael Lohrmann

Ein Nachruf auf Dirk Siepe von unserem Heftgründer Michael Lohrmann.

Anfang der 90er Jahre bin ich unter Plattenkritiken in Fanzines regelmäßig über den Namen Dirk Siepe gestolpert. Mit seinem Faible für Punkrock, Alternative und Desert Rock würde er eigentlich perfekt zu VISIONS passen, dachte ich mir dann immer, und als wir dringend jemanden suchten, der in unserem Namen für ein großes Kyuss-Feature nach Amerika fliegt, rief ich ihn kurzentschlossen an.

Bereits am nächsten Tag stand Dirk vor mir in der Redaktion; mit seinen Cowboy-Stiefeln und einem halb offenen Hemd unter einer abgeranzten braunen Lederjacke sah er ein bisschen so aus, als wenn er selbst in einer Band spielen würde. Ich glaube, er wirkte anfänglich ein wenig schnöselig auf mich, aber als wir dann über Musik gefachsimpelt haben (und natürlich über unsere gemeinsame Liebe Borussia Dortmund), war schnell klar, dass nur er prädestiniert ist, Josh Homme & Co. für VISIONS in Palm Desert zu besuchen.

Die Geschichte, die er anschließend mitbrachte, war stark. Dirk hatte nicht nur viel Ahnung von Musik und die Gabe, auf Augenhöhe einen guten Draht zu den Musikern aufzubauen, er besaß auch die Fähigkeit, sein Wissen und seine Erlebnisse in wortgewandte Texte zu transferieren. Nach diesem Auftakt nach Maß war klar, dass er ein Teil der VISIONS Familie werden muss. Der Zufall wollte es, dass der Posten des Chefredakteurs parallel zu unserem Kennenlernen vakant wurde. Rund 27 Jahre später kann ich sagen, dass es eine wunderbare Entscheidung war, Dirk diesen Job anzuvertrauen.

Duffy, um mal seinen Spitznamen zu bemühen, hat VISIONS über Jahre hinweg nachhaltig geprägt – vielleicht war es sogar die beste Phase, die man als Leser als auch als Mitglied der Gang mit diesem Magazin erleben konnte. In einer Zeit, wo an das Internet noch nicht zu denken war und in der Print-Magazine gehörigen Einfluss hatten, war Dirk ein Tastemaker, der den Musikgeschmack von etlichen VISIONS-Lesern extrem geprägt hat. Bands wie Kyuss, Gluecifer, The Hellacopters, Turbonegro, Mother Tongue, Masters Of Reality oder auch Queens Of The Stone Age, um nur mal die Kirschen auf der Sahne zu nennen, haben Dirk viel zu verdanken, denn er hat ihnen mit seinem Engagement den Weg geebnet.

Wie wichtig er für VISIONS und unsere Leser war, belegt alleine eine Szene, die sich bei Rock am Ring in 2001 zugetragen hat. Als die Queens um seinen alten Spezi Josh Homme von Dirk an den VISIONS-Stand geholt wurden, wollten die Leute nicht nur Autogramme von der Band, sondern auch von ihm. So saß er dann neben den Musikern und unterschrieb eine Stunde lang beseelt VISIONS-Titelbilder. Das hat mich stolz gemacht. Dirk war das Aushängeschild von VISIONS. Rock Hard hatte Götz Kühnemund, wir hatten Siepe.

Und, meine Güte, was haben wir gefeiert! Die Musikbranche bietet dafür ja durchaus viele Anlässe und der verklärte Blick zurück sagt mir gerade, dass wir so viel nicht ausgelassen haben - auch wenn Duffy da vielleicht noch mal aus einem anderen Holz geschnitzt war als ich und die meisten anderen. Auch fernab von Festivals, Konzerten oder VISIONS-Partys gab es genug Situationen, in denen es ausgelassen zuging. Alleine der Fußball: Meisterschaften, Pokal-Siege, Derby-Triumphe, aber auch ein Moment der Schmach, als wir im Westfalenstadion 0:1 gegen den VfL Bochum verloren, weil Delron Buckley kurz vor Spielende der Meinung war, das Siegtor erzielen zu müssen. Dirk war so abgenervt von einem feiernden Bochumer in der Reihe vor uns, dass er ihm einen fast vollen Becher Bier über den Kopf kippte. Ich fand das irgendwie gerecht, weil mir der Typ auch tierisch auf den Sack ging, getraut hätte ich mich das aber nicht. Als wir später in der Kneipe einen ausgeknobelt haben, war ich immer noch überrascht darüber, dass es nicht zu Handgreiflichkeiten kam.

Vielleicht hatte der VfL-Fan aber auch einfach gemerkt, dass Dirk eine gute Seele hatte. Wer ihn kannte, wusste das ganz sicher. Sein großes Herz für Katzen und Hunde deutete darauf hin, aber auch sein ehrenamtliches Engagement für Die Tafel in Dortmund, die er in den letzten Jahren unterstützt hat. Dirk hatte außerdem eine melancholische Seite, die es ihm ermöglichte, sehr reflektierte, tiefgehende Gespräche zu führen. So erinnere ich mich an einige Abende, die wir dem Herzschmerz widmeten, ganz frei von Punkrock und Feierei.

Eigentlich wollten wir uns bald treffen, es ist bestimmt drei oder vier Jahre her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben. Unsere Kommunikation beschränkte sich in der Zwischenzeit auf sporadische SMS zu Geburtstagen und witzige Frotzeleien zum aktuellen Fußballgeschehen – wir waren nicht im klassischen Sinne befreundet, aber wir hatten nach all den Jahren noch steten Kontakt. Wegen seiner Lungenkrankheit und der für ihn daher besonders heiklen Covid-Situation haben wir ein Treffen vertagt, bis zu dem Zeitpunkt, wo es das Wetter zulässt, dass man sich draußen treffen kann.

Jetzt ist das Wetter gut – und Dirk nicht mehr unter uns. In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 2021 hat er uns für immer verlassen. Und das macht mich extrem traurig. Danke für alles, Duffy. Du wirst vermisst werden. Und wenn du da oben den Fußballgott triffst, weißt du, was zu tun ist.

Kommentare (11)

Avatar von johnbo johnbo 25.02.2021 | 12:50

danke für die Zeilen und das Bewusstsein! tut gut und passt.

Avatar von locustspawn locustspawn 25.02.2021 | 14:13

Echt jetzt?! Verdammt!
Siepe, du warst einer von den Guten. Danke für jede einzelne Zeile, die zur Note auf meinem Plattenteller wurde.
Wo auch immer du jetzt steckst: ROCK ON!

Avatar von HIRNTOT HIRNTOT 25.02.2021 | 14:36

Schöner Text, Micha. Bin sehr traurig. Ein Stück Visions-Geschichte und eine zentrale Figur aus der Zeit, als der Forumskern mit teilweise über 50 Mann das Sabotage unsicher machte. Zudem was musikalische Präferenzen anging einer meiner Vertrauten im Heiligen Weg.
:(

Avatar von layercake layercake 25.02.2021 | 14:42

Mein Beileid. Die oben genannten Bands wurden mir alle durch Visions näher gebracht und ich habe mich immer auf die Berichte von Herrn Siepe besonders gefreut.

Nun werde ich erstmal "Demon cleaner" von kyuss auflegen und inne halten.

Avatar von clavious clavious 25.02.2021 | 20:16

pilot to dune ??

Avatar von SANE SANE 25.02.2021 | 20:19

Traurig. Mein Beileid geht an seine Familie und Freunde. Sein Name wird immer untrennbar mit der Visions verbunden sein und wenn auch einige seiner Herzensbands nicht unbedingt meinen Nerv getroffen haben, hat man die Leidenschaft und den Enthusiasmus in seinen Texten gespürt. Musikalisch hat er jedenfalls nie so danebengelegen wie mit seinem Fußballklub, ähem.



An dieser Stelle auch Grüße @Hirntot/Marek.

Avatar von TheOA TheOA 25.02.2021 | 22:24

Ich glaube, ich habe das letzte Mal vor einem Jahr bewusst die News auf VISIONS.DE angeschaut, sonst immer nur sporadisch über den Newsletter. Dann lese ich genau diesen Nachruf... Im Ernst, ich erinnere mich an dieses Interview von Dirk mit den Queens. Lange hatte ich ein Abo, und die Artikel von Dirk und Michael waren mit Abstand die besten.

LG Bianca

Avatar von SAINTHUCK SAINTHUCK 26.02.2021 | 06:47

Herzliches Beilied an alle die Dirk näher gekannt haben.

Ein großer Verlust ist die aber für uns alle

Avatar von HIRNTOT HIRNTOT 26.02.2021 | 10:58

@SANE: Grüße zurück - schön, einen alten Nick wiederzusehen. Wäre da nicht der Anlass...

Avatar von ANKH ANKH 26.02.2021 | 20:07

R.I.P. :7(

Avatar von Matthias Arends Matthias Arends 26.02.2021 | 20:12

Dirks Tod macht einfach traurig. Michael & Ingo, eure Nachrufe holen diese unglaubliche Zeit zurück.

Ich war selbst von 1999 bis 2005 Teil des VISIONS-Teams und habe Dirk in allen von den beiden beschriebenen Facetten kennengelernt.

Was Dirk und mich verbunden hat, kann ich gar nicht genau sagen. Es war aber etwas Tiefes. Beim Bizarre `99 sagte er nach etlichen Getränken und mitten in der Nacht zu mir „Matze, wenn ich jemals einen Sohn haben sollte, dann sollte er so sein wie Du“. Seitdem haben wir uns tatsächlich mit Papa und Sohn angeredet. Selbst für Dirks Freundin war ich irgendwann der „Stiefsohn“.

Ganz stark erinnere ich mich an meinen letzten Abend in Dortmund. Mitte Juli 2005. Am nächsten Tag stand mein Umzug und Berufswechsel nach Kiel an. Dirk und ich saßen viel zu lang im Stadewäldchen und holten immer wieder Nachschub von der Bude umme Ecke. In meiner Wohnung waren noch etliche Kisten zu packen. Aber das wurde im Laufe des Abends egal. Es war mein letzter in Dortmund – und Dirk war an meiner Seite. Am nächsten Morgen glänzte er zwar dank Kater durch Abwesenheit beim Kisten und Möbel schleppen, aber das habe ich ihm nie übel genommen.

Auch in den Jahren danach hatten wir weiter Kontakt. Meist bei VISIONS-Events in Dortmund, aber er kam mich auch in Kiel besuchen. Wie es so ist, wurde es irgendwann weniger. Ich frage mich jetzt, wieso eigentlich?

Ingo, ich habe mich gestern getraut und nachgeschaut, wann Dirk und ich zum letzten Mal geschrieben haben. Es ist viel zu lange her. Diese Mail endete so:

„[...] das wäre mal wieder GANZ MEIN SOHNEMANN!

Bis in Kürze,
Papa“

Aus „Bis in Kürze“ wurde leider nichts mehr. Danke für alles, Dirk!

Dein Matze!

PS: Hat irgendwer noch die VISIONS-CD, auf der Siepes Geburtstags-Track, den Zacke, Wolle & Co. aufgenommen haben, drauf ist?

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