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19.06.2018 | 16:00 7 Autor: Dennis Drögemüller RSS Feed

Kommentar: "As I Lay Dyings Rückkehr im alten Line-up ist eine Schande"

News 28643Die Metalcore-Routiniers As I Lay Dying sind zurück - im alten Line-up mit Sänger Tim Lambesis, der 2013 einen vermeintlichen Auftragsmörder auf seine Frau angesetzt hatte. "Solange Lambesis' unmittelbar betroffene Ex-Frau ihm nicht öffentlich verzeiht, ist dessen Schuld nicht getilgt", schreibt VISIONS-Redakteur Dennis Drögemüller dazu.

Die Metalcore-Veteranen As I Lay Dying sind im alten Line-up zurück – und das ist eine Schande. 2013 hatte Sänger Tim Lambesis versucht, seine Frau von einem vermeintlichen Auftragskiller ermorden zu lassen. Warum also geben sich seine alten Bandkollegen nun wieder mit ihm ab?

Ein 30-minütiges Erklärvideo der Band liefert keine wirkliche Antwort, nur eine von Scham erfüllte Bro-Therapiesitzung voller verschleiernder Phrasen rund um "Heilung" und "Zueinanderfinden". Leadgitarrist Nick Hipa, der Lambesis 2014 nach einem selbstgerechten Interview präzise als "soziopathischen Narzissten" beschrieben und sich mit dessen Frau solidarisiert hatte, schildert nun, wie er nach der öffentlichen Entschuldigung des Sängers Ende 2017 diesen als anderen Menschen kennengelernt habe – und dass er eine Chance sah, "den Schmerz und die Hoffnungslosigkeit loszuwerden."

Das kann man emotional verstehen, schließlich bezahlten auch Lambesis' Kollegen dessen Tat ungerechterweise mit ihrer Karriere, dem Verlust eines langjährigen Freundes und endlosen Journalistenfragen. Vielleicht war es für sie am Ende leichter, einen angeblich geläuterten Lambesis zu akzeptieren, als den Hass auf ihn aufrecht zu erhalten.

Nur macht es das nicht besser, auch wenn viele Fans im Netz das anders sehen: "Er war wegen Steroid- und Drogenmissbrauch nicht bei Sinnen!" Doch, wer einem Undercover-Cop passende Mord-Termine nennt und Haus-Sicherheitscodes weitergibt, handelt kaltblütig kalkulierend. "Er hat seine Strafe abgesessen, damit ist der Fall erledigt!" Jenseits der juristischen gibt es auch eine moralische Gerechtigkeit, und solange Lambesis' unmittelbar betroffene Ex-Frau ihm nicht öffentlich verzeiht, ist dessen Schuld nicht getilgt. "Jeder hat eine zweite Chance verdient, Resozialisierung ist wichtig!" Dass Lambesis nach drei Jahren wieder in Freiheit lebt, ist seine zweite Chance. Die Vorstellung aber, dass der Sänger sich nun wieder finanziell einträglich auf Bühnen weltweit als Idol bejubeln lässt, während seine Familie tagtäglich mit den psychischen Folgen des versuchten Auftragsmordes leben muss, ist schlicht pervers.

Wie so oft geht es dabei nicht zuerst um die Frage, ob man As I Lay Dying jetzt noch hören darf – sondern darum, warum manche das so unbedingt wollen, dass sie ein paar Metalcore-Songs vor den Wert menschlichen Lebens stellen. Statt sich vom Pathos der Erzählung vom gefallenen und geläuterten Helden blenden zu lassen, sollten sich Fans in das Opfer hineinversetzen. Wessen Leben ausgelöscht werden sollte, der vergibt weniger leichtfertig.

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Kommentare (5)

Avatar von DANNYDEVITO DANNYDEVITO 19.06.2018 | 17:43

Danke Dennis für diesen Bericht! Schön, dass mal Tacheles geredet wird. Meiner Meinung nach haben Musiker eine verdammte Vorbildfunktion, und jegliches Fehlverhalten, noch dazu solch schwerwiegende Vergehen wie in diesem Fall, ist nicht zu tolerieren. Auch der Fall Brand New oder die Verunglimpfungen, die z.B. NOFX kürzlich öffentlich geäußert haben, schaffen Fakten, die schlicht unentschuldbar sind. Solches Verhalten dann noch auf Alkohol-, Tabletten- oder Drogenmissbrauch zu schieben, ist blanker Hohn gegenüber den Leidtragenden. Diese Bands gehören sanktioniert. Stattdessen gibt es „Fans“, die das Ganze schönreden und mit der sogenannten „2. Chance“ argumentieren. Dadurch verharmlosen sie kriminelles Handeln. Und das Ganze wegen ein paar unwichtigen Songs...

Avatar von DANNYDEVITO DANNYDEVITO 20.06.2018 | 12:11

@detommy

Ich kann deinen Standpunkt absolut nachvollziehen. Auch deshalb, weil ich selbst musiziere und großer Musikliebhaber bin. Dadurch versucht man ja auch immer, sich in andere Künstler hineinzuversetzen und die Absicht und Wirkung ihrer Kunst zu erkennen und im besten Fall wertzuschätzen. Aus keinem anderen Grund geht man auf Konzerte oder kauft Tonträger. Nun ist es aber nunmal so, dass in der Öffentlichkeit bekannte Künstler meist ihren Lebensunterhalt mit ihrer Kunst finanzieren, somit hat das einen großen Einfluss auf ihr Privatleben. Mann kann nicht einfach sagen, ich trenne hier Privates von Beruflichem. Diese Künstler sind abhängig vom Wohlwollen ihrer Fans... und sollten diese nicht verschrecken. Und es sind ja nicht nur Fehler im Privatleben, sondern wir sprechen hier von Anstiftung zum Mord, Missbrauch,... das sind keine Bagatelldelikte... vielleicht bin ich auch einfach kritischer geworden und stelle vermehrt Vorbildfunktion über künstlerische Freiheit.

Avatar von Bond76 Bond76 20.06.2018 | 12:44

Die Fans können das ja in Zukunft selbst entscheiden. Wenn wenig bis keine Leute auf Konzerten erscheinen hat sich das sowieso erledigt.Das sollte man nicht unterschätzen. Warte nur noch darauf das Ian Watkins wieder entlassen wird ,und mit Lostprophets eine Reunion gestartet wird.

Avatar von Alphex Alphex 20.06.2018 | 14:24

Auch der Fall Brand New oder die Verunglimpfungen, die z.B. NOFX kürzlich öffentlich geäußert haben, schaffen Fakten, die schlicht unentschuldbar sind.


Das sind drei komplett unterschiedliche Fälle, und die einzige strafrechtlich relevante Aktion wird hier im Artikel thematisiert.

Ansonsten schön bizarr, einserseits den Authentizitätskult zu feiern, dass Rockmusik möglichst Straße, Gosse, echt, kaputt, aus der geschundenen Künstlerseele geschnitzt sein soll, wild und unzähmbar und kein Marketingwürfel sein soll, dann aber bei respektlosen Bühnenansagen schon direkt den Rosenkranz einfordern. Aber vielleicht ist ja inzwischen auch ein aalglattes Image das neue Knasttattoo, wer weiß das schon.

Avatar von DANNYDEVITO DANNYDEVITO 20.06.2018 | 19:25

@alphex

Ja genau, und sich über erschossene Festivalbesucher lustig machen ist dann voll Punkrock, oder wie? Dann lieber aalglatt! Man kann auch jeden Scheiß gutheißen...

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