0 Autor: Martin Burger

Sólstafir - Berdreyminn

Berdreyminn

Wenn das Gras auf der anderen Seite grüner ist, hat man einfach nur den Rasen verkehrt herum ausgerollt. Abgesehen vom Pessimismus hat sich bei den Isländern aber mal wieder einiges geändert.

Klar, manche Elemente bleiben erhalten: Bereits im dritten Song "Hula" tauchen die Chöre auf, zum Glück bedachter als sonst, dafür übers ganze Album verteilt. Das Songwriting ist spannend dank der Dynamik- und Tempowechsel, manchmal mehrfach innerhalb eines Songs. Aber: 2017 sind Sólstafir mehr denn je angezerrter Postrock. Nur noch vereinzelt schleicht eine Proto-Metal-Figur durch die vornehmlich siebenminütigen Konstrukte, "Dýrafjörður" enthält sogar ein David Gilmour-Gedächtnissolo, und Aðalbjörn Tryggvason kann inzwischen ganz annehmbar singen. Manchmal rutscht er noch in Emo-Kehligkeit ab, aber nur, wenn seine Texte die größtmögliche Naturromantik heraufbeschwören. Das ist natürlich nur eine Vermutung, denn Festhalten an den drolligen Silben der Vokal- und Lispelsprache Isländisch ist nicht möglich. Neu ist auch eine gewisse Wärme im Sound, hervorgerufen durch eine Kirchenorgel. Ob das Absicht ist, sei dahingestellt, sicher ist, dass die Band bei ihren Hangeleien im Wald der Progression diesmal fast nie ins Leere greift. Fort sind die sinnlosen Krachpassagen von "Ótta" und "Svartir Sandar", fort ist auch die Kitsch-Überfrachtung: "Bláfjall" beendet das Album nach mittelharten Stakkato-Riffs plus Orgel-Enthusiasmus abrupt und hinterlässt die Art Leere, die sich nach einem guten Roman einstellt. Alte Fans, falls überhaupt noch vorhanden, dürften über "Berdreyminn" verwirrt sein wie nie, Freunde klaren Alternative-Progs können dagegen bedenkenlos zugreifen.

Bewertung: 8/12
Leserbewertung: 9.5/12

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