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0 Autor: Anke Hügler

Russian Circles - Gnosis

Gnosis
  • VÖ: 19.08.2022
  • Label: Sargent House/Cargo
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 353

Grenzgänger: Chicago steht nicht von ungefähr für Post-Metal der bissigen Sorte: Auf ihrem achten Album "Gnosis" geben sich Russian Circles angriffslustiger denn je. Doch diese Riffs fallen nicht vom Himmel – sie sind das Ergebnis einer Erkundung, mit der die Band das Terrain des Genres nebenbei neu absteckt.

Die berüchtigten 00er Jahre gelten gemeinhin als das Jahrzehnt, in dem Subkultur – Nu Metal sei Dank – endgültig im Mainstream ankam. Slipknot gelang mit "Iowa" der große Durchbruch, Linkin Park spielten bei Top Of The Pops und Korn machten mit den Süchten und Sammelleidenschaften ihres Frontmanns Jonathan Davis in der Boulevardpresse von sich reden. Unterdessen interessierte sich ein ungleich kleinerer Teil der US-Musikszene dafür, was es jenseits greller Masken im modernen Metal zu entdecken gab. Wie kann Musik aussehen, die auf provokante Posen, das klassische Rockstar-Image und etablierte Songstrukturen verzichtet? Mit dem Meilenstein "Oceanic" von 2002 machten Isis die Probe aufs Exempel und führten damit Untersuchungen fort, die Neurosis, aber auch die frühe Post-Rock-Fraktion um Bands wie Slint und Tortoise begonnen hatten. Als Russian Circles mit "Enter" 2006 ihr Debüt auf dem Label Flameshovel feierten, war somit schnell ein Etikett für sie gefunden.

Eines, mit dem sich die Band nie so recht wohlfühlen wollte. So deutlich wie auf Gnosis allerdings kam die Sonderstellung des Trios bislang noch nicht zum Tragen. Die Single "Conduit" etwa verzichtet gänzlich auf die zum Genrestandard avancierte Dramaturgie aus ruhigen Parts und krachenden Ausbrüchen – lieber reißt die Band in gut vier Minuten einen Groove vom Zaun, bei dem selbst die alten Nu-Metal-Zeitgenossen vor Neid erblassen müssen. Die Dichte an Riffs lässt kaum Platz fürs Filigrane, das sich auf dem frühen Fanfavoriten "Station" noch hier und da verstecken konnte. Wo man auf "Gnosis" einen ruhigen Moment vorfindet, ist er die nötige Auszeit im Wüten der umliegenden Songgiganten. Trotzdem ist nicht alles nur "Brutalism And The Worship Of The Machine", wie es die Kollegen von This Will Destroy You ausdrücken würden. Der Titelsong eröffnet zur Albummitte eine psychedelische Parallelwelt, "Bloom" geht ganz in der Post-Rock-Nostalgie der 00er Jahre auf und "Ó Bráinon" bietet den stimmungsvollen Folk-Auftakt zum anschließenden Abriss.

Dazwischen teilen Russian Circles mit der flachen Hand aus, wobei gerne Spieltechniken aus dem Extreme-Metal wie sägendes Tremolo-Picking und Blastbeats zum Einsatz kommen. "Betrayal" schließlich kennt nichts Heiles und nichts Heiliges mehr, nur noch ein urtümliches Zähnefletschen, mit dem der Nachfolger des bisherigen Rekordhalters "Blood Year" ein neues Level an Finsterkeit freischaltet. Dass Extreme dabei oft unversöhnlich nebeneinanderstehen, zeugt von der Bandbreite einer Band, die den Songwritingprozess aufgrund der Pandemie diesmal nicht gemeinsam angehen konnte. Entsprechend kann man der jüngsten Russian-Circles-LP kaum das beliebte Prädikat "wie aus einem Guss" verleihen. Das muss aber auch nicht sein – denn es sind herausfordernde Alben wie "Gnosis", die klarmachen, dass Post-Metal keine Bezeichnung für ein Genre sein sollte, sondern ein Qualitätsmerkmal für Musik, die Auffassungen davon gekonnt in Frage stellt.

Leserbewertung: 7.0/12

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