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0 Autor: Anton Stechonin

Daily Thompson - God Of Spinoza

God Of Spinoza
  • VÖ: 03.12.2021
  • Label: Noisolution/Soulfood
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 345 - Schönheit der Ausgabe

Daily Thompson sind bis über beide Ohren in die 90er verliebt. In der Vergangenheit war ihre Zuneigung immer wieder zu erahnen, God Of Spinoza lässt jegliche Subtilitäten angesichts der innigen Leidenschaft für das Jahrzehnt endgültig fallen.

Die Dortmunder sind auf den Geschmack des Überraschungsmoments gekommen: War bis zum 2018er-Album "Thirsty" der Alltag im Hause Daily Thompson noch durch lässigen Stoner und Psychedelic mit gelegentlichen Garage-Rock-Tupfern geregelt, besang die Band auf "Oumuamua" von 2020 urplötzlich einen zigarrenförmigen Felsen im Weltall zu ätherischen Space-Rock-Eskapaden und hypnotischen Jams in Überlänge. Spätestens danach musste man mit der Unberechenbarkeit des Trios rechnen – und somit war alles fürs nächste Album offen. Diesen Blankoscheck lösen Daily Thompson auf "God Of Spinoza" wieder für ruppigere Sounds und den bekannten Fuzz-Anteil ein, setzen diese allerdings in Kontexte, die im Hinblick auf ihre frühere Diskografie zwar nicht bahnbrechend sind, sich jedoch erfrischend dominant ins Rampenlicht rücken. Derbes Pentatonik-Geriffe findet etwa im Titelsong weiterhin statt, macht in den entscheidenden Momenten jedoch Platz für subtil grungige Soundgarden-Melodien und dissonante Noiserock-Reibereien aus der Sonic-Youth-Schule. Weniger dezent gibt sich "A Girl Like You", dessen Akkorde einerseits doch sehr an Nirvanas "Polly" erinnern, andererseits mit der spannenden Laut-Leise-Dynamik der Grunge-Ikonen experimentiert. Daily Thompson sind darauf bedacht, nicht einfach ein Album aus bekannten Versatzstücken zusammen zu kopieren. Löblich, denn so großartig ihre Vorbilder sind, so dynamisch ist das bandeigene Songwriting. Sechs der acht Stücke gehen teils weit über die Fünf-Minuten-Marke hinaus, deuten auf langen Strecken ein eingängiges Strophe-Chorus-Gebilde an, ergehen sich dann aber doch lieber in kreischende Gitarrensolos oder düster psychedelischem Rhythmusgruppen-Grummeln. Bei all der Übersteuerung und dem Krachrock geben sich Daily Thompson dennoch gelassen und werden zwar laut, aber nie ohrenbetäubend. Viel mehr kümmert sich die Band etwa in "Cantaloupe Melon" um melancholische Indie-Gitarren und eine fast schonromantische Stimmung, die am Ende der Doppelspitzen-Gesang zwischen Frontmann Danny Zaremba und Bassistin Mercedes Lalakakis ablöst. Hört man den beiden zwischen den dicken und schiefen Fuzz-Wänden dabei zu, wie sie entweder nacheinander oder gleichzeitig singen, schreien und keifen, tut es gleich weniger weh, dass Kim Gordon und Thurston Moore wohl nie wieder zusammen auf einer Bühne stehen werden.

Leserbewertung: 10.0/12

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