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Wir Sind Helden - Von hier an blind

Von hier an blind

4-Ohren-Test

Wir sind Helden sind nett, ja, ungemein sympathisch sogar. Und sie sind auch nicht verantwortlich für diesen unerträglichen Mist (Namen bitte nach Belieben einfügen), der in ihrem Kielwasser auf die Siegerpodeste peinlicher deutscher Awards-Shows gespült wurde.

Aber müssen denn heute alle netten Menschen unbedingt eine(n auf) Band machen? Letztes Jahr bei Rock am Ring war deutlich zu spüren, dass Wir sind Helden auf einer großen Bühne deplaziert sind – und sich vermutlich auch so fühlen. Warum also so tun, als wäre man in Proberäumen zu Hause? In ihrem Element ist diese Platte vor allem bei "Darf ich das behalten" oder "Wütend genug", weil hier nichts bemüht klingt, sondern Introvertiertes dezent nach draußen drängt. Ganz anders "Zuhälter". Das hat einen intelligenten Text, ist aber kein guter Song. Nicht, weil sich Wir sind Helden über etwas beschweren, das sie doch bereitwillig mitmachen. Hier wir versucht, lässig-riffig zu rocken, und das nimmt man den Berlinern noch weniger ab als eine Pseudo-Partynummer wie "Nur ein Wort" oder den angejazzten Studenten-Lounge-Pop, mit dem sie gerne mal die eher melancholischen Poesie-Häppchen untermalen. Und solch betont lockeres NDW-Revival wie "Geht auseinander" oder "Von hier an blind" braucht es ein Vierteljahrhundert nach Ideal nun auch nicht mehr wirklich.
Dirk Siepe 5

Sie waren gekommen, um die alten Helden abzumelden. Und jetzt dreht es sich schon ums Bleiben. So schnell kann das gehen. Keine deutsche Band hat in den letzten Jahren mit einem derartigen Paukenschlag die Bühne betreten. Das schönste an ihrer Geschichte – neben der Entdeckung einer wunderbaren Band – ist die Tatsache, dass intelligentes Querdenken und sympathisches Auftreten in der Verwertungsmaschine des Pop funktionieren können. Es ist schon beeindruckend, mit welcher Leichtigkeit Wir sind Helden nun die Last des Sensationserfolges aus den Köpfen bekommen und einen derart starken Nachfolger für "Die Reklamation" aus dem Rocksaum geschüttelt haben. Mit 500.000 verkauften Alben im Rücken darf man sich schon mal den Spaß erlauben und "Gekommen um zu bleiben" als erste Single auskoppeln. Keine Sorge, der Rest der Platte ist keine Hommage an die Roaring Twenties, sondern kombiniert Indie-Rock, Synthie-Pop und New Wave mit traurig-humorigen Balladen, vorgetragen in diesem einzigartigen Rio-Reiser-Tonfall. Judith Holofernes hat eine Melancholie in der Stimme, um die sich jede Emo-Kapelle reißen müsste. Und in harmonischer Gemeinschaftsarbeit hat die Band ein abwechslungsreiches Hit-Album vorgelegt, das voll mit potenziellen Singles ist, deren Parolen bald wieder in Gesprächen und auf T-Shirts auftauchen werden. Damit gehen sie so schnell nicht mehr weg.
Marcus Kalbitzer 10

Leserbewertung: 8.7/12

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