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Elbow - Cast Of Thousands

Cast Of Thousands

Ihrem vielversprechenden Debüt lassen die Briten ein reifes, experimentierfreudiges, von sehnsüchtiger Lyrik geprägtes Pop-Meisterwerk folgen. Powered by emotions, sozusagen.

Jedem seine Strategie der Stressbewältigung. Coldplays Chris Martin etwa vertraut auf Schokolade. Liam Gallagher beschimpft lieber bekokst wahllos Mitmenschen. Und Guy Garvey, der Kopf von Elbow? Fraß sich einen veritablen Ranzen an, um dem enormen Erwartungsdruck zu trotzen. Mit Erfolg: Zu keinem Zeitpunkt ist den unbeschreiblich kunstvoll in Szene gesetzten Liedern anzumerken, dass diesmal auf jahrelange Vorarbeit verzichtet werden musste. Los geht es mit "Ribcage", einem anfangs noch leicht befremdlich wirkenden, schwerelos im Äther hängenden Sechsminüter, der gegen Ende einen ausgewachsenen Gospel-Chor an Bord holt. Für das anschwellende, von flotten Beats konterkarierte Lamento "Grace Under Pressure", einen Kommentar zu George Bushs Irak-Feldzug, brachte die Band dann gleich das gesamte Glastonbury-Publikum dazu, "We still believe in love – so fuck you!" zu shouten (weshalb jetzt schlappe 3.500 Namen das Booklet von "Cast Of Thousands" bevölkern). "Fugitive Motel" wiederum unterstreicht das Heimweh des Reisenden durch himmelweite, cineastische Streicher, während das perkussive "Snooks (Progress Report)", durch das – obacht, Autofahrer! – eine furchteinflößend verzerrte Hammond schmettert, die eigene Befindlichkeit als Popband seziert. Exzentrischer Orgel-Einsatz adelt auch das auf Samtpfoten daher schlendernde "I’ve Got Your Number". Als emotionaler Gipfel darf gleichwohl das nur von Garveys einfühlsamer Stimme, Schellenkranz und Akkordeon zum Atmen gebrachte "Switching Off" gelten, wo ein Liebender sich anhand einer beiläufig-schönen Geste die eigene Nahtod-Erfahrung ausguckt: "You’re the only sense the world has ever made / this I need to save / I choose my final scene today / switching off with you" – ein Klotz, wer da nicht den Tränen nah ist. Im Gegensatz zu Coldplay indes liegen bei Elbow die wahren Schätze oft im Verborgenen. Wer sie sich erarbeitet, dem zerreißen sie hinterrücks das Herz. "All you have is kisses", singt Garvey einmal. Love rules.

Leserbewertung: 9.0/12

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Kommentare (1)

Avatar von records records 03.06.2015 | 01:18

Das war ein hartes Stück Arbeit sich durch ein so depressives Werk zu hören. Beim ersten Mal noch befremdlich und auch beim Wiederhören wollte keine Freude aufkommen. Wie auch! Nichts für Frohgemüter.

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