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0 Autor: Wolf Kampmann

Madrugada - The Nightly Disease

The Nightly Disease

Madrugada mausern sich neben Motorpsycho zur nächsten bedeutsamen alternativen Rockkraft Norwegens.

Ihr 99er Album „Industrial Silence“ fand im VISIONS-Land nicht viele Freunde. Gerade mal Dirk Siepe konnte dem elegischen Düsterrock noch ein wenig abgewinnen: „Wenn man ab und zu mal Pathos braucht und gegen Slide-Gitarren und einen gewissen Country-Touch nicht allergisch ist, macht ‘Industrial Silence’ tatsächlich Spaß“, attestierte er den Norwegern. Nun, Spaß im wahren Sinne des Wortes macht „The Nightly Disease“ eigentlich nicht, aber es nimmt den Hörer schnell gefangen. Das Album hat die typisch norwegische Soundkennung: Songs, die so düster sind wie eine subpolare Winternacht, so kraftvoll und unerbittlich wie ein Eissturm und doch durchzogen von hoffnungsschimmernden Fäden des gesamten Lichtspektrums. Der skandivanische Winter ist bekanntlich hart, und wenn einen die permanente Dunkelheit zu oft zu tief ins Glas gucken lässt, ist der Blues quasi schon vorprogrammiert. In der Stimme von Sivert Hoyem öffnen sich Abgründe, die Gitarre von Robert Buras hingegen ist klar und kristallin. Auch wenn die Songs beachtliche hypnotische Energien aufweisen, wäre es zu einfach, die Band als Psychedelic abzutun. „The Nightly Disease“ ist durchdrungen von folkloristischem Understatement, das ein wenig an die frühen Tage von Iggy Pop erinnert, und auch ehemalige Helden wie die Beast Of Bourbon oder Hugo Race & The True Spirit scheinen hier ihre Spuren hinterlassen zu haben. Madrugada klingen zwar weniger klaustrophobisch, beherrschen die ganze Klaviatur dramaturgischer Steigerungen dafür um so vortrefflicher. Erfreulich ist dabei, dass sie niemals ins Esoterische oder Gigantomanische abdriften, sondern stets einen gesunden Sinn für Rock’n’Roll bewahren. Frei von Pathos sind sie freilich nicht, aber gerade ihr offener Hang zur großen Geste, zur akustischen Performance hat etwas sehr Befreiendes.

Leserbewertung: 10.7/12

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