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Johnny Marr - Fever Dreams Pts 1-4

Fever Dreams Pts 1-4

Morri-wer? Johnny Marrs Solokarriere hat spät begonnen, aber umso schneller Fahrt aufgenommen. Sein viertes Soloalbum setzt das nächste Ausrufezeichen und lässt seinen irrlichternden The-Smiths-Ex-Kollegen alt aussehen.

Dabei muss man Morrisseys außermusikalische Eskapaden der vergangenen Jahre nicht mal mehr erwähnen – auch kreativ wirkte der Ex-Smiths-Sänger zuletzt sonderbar uninspiriert. Ganz anders sein früherer Gitarrist: Nachdem sich Marr zu Beginn des Jahrtausends Indie-Inspiration dies- und jenseits des Atlantiks geholt hatte – als Interimsgitarrist bei Modest Mouse und den Cribs – muss ihm aufgegangen sein, dass er als Solist bislang unter seinen Möglichkeiten geblieben war. Es war der Beginn einer erstaunlichen Entwicklung, deren vorläufigen Höhepunkt er 2018 mit seinem bislang letzten Album "Call The Comet" erreichte. Marrs Musik fußt auf der Souveränität eines Songwriters und Gitarristen, dessen spielerischer Minimalismus lange Jahre zu einfach verkannt wurde – dass ihn der Instrumentenhersteller Fender inzwischen mit einer eigenen Signature-Gitarre geadelt hat, wäre selbst zu den Smiths-Heydays Mitte der 80er unvorstellbar gewesen. Anders aber als noch auf "Call The Comet" lässt Marr diesmal verstärkt seine Erfahrungen im Bereich elektronischer Musik einfließen – vielleicht ein verschlepptes Resultat seiner Zusammenarbeit mit Bernard Sumner von New Order in den 90ern. Das stürmische "Ariel" etwa wird ebenso von analogen Synthesizern eingeleitet und getragen wie das sanfte "Lightning People". Düster, rau, beinahe Industrialartig zieht "Sensory Street" in den Bann, und am anderen Ende der schlingernden Stimmungskurve demonstriert Marr mit "Rubicon" meisterhaft, wie man ein nebliges Ambient-Stück in eine melancholische Popmelodie überführt. Keine Sorge, Fender: Natürlich gibt es auf "Fever Dreams" konventionellen Marr, schnurstracks nach vorne ziehenden Gitarrenrock wie in "The Whirl" oder "Tenement Time" – wenn auch mit einer geringeren Hitdichte als auf "Call The Comet", das zu den unterschätzteren Alternative-Großtaten der vergangenen Jahre gezählt werden sollte. Diesmal hingegen hebt sich Marr das Beste für den Schluss auf: Im bittersüßen "Human" schwärmt seine junggebliebene Stimme zur Akustikgitarre dem Albumfinale entgegen – und vermittelt bei aller Britpop-Eleganz einen vagen Eindruck davon, wie The Smiths heute klingen könnten, wenn sie sich nicht irreparabel zerlegt hätten. "There is a fight that never goes out"? Mit "Fever Dreams" gibt Marr jedenfalls die bestmögliche Antwort auf die jüngsten Anfeindungen durch Morrissey: ein weiteres beachtliches Soloalbum.

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