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1 Autor: Gerrit Köppl

Thrice - Horizons/East

Horizons/East
  • VÖ: 17.09.2021
  • Label: Epitaph/Indigo
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 343 - Platte des Monats

Im Osten geht Sonne auf: Zu den wenigen Konstanten unseres Alltags gehört, dass die Sonne morgens auf und abends untergeht. Alles andere ist ungewiss. Thrice akzeptieren das - und wollen uns mit "Horizons/East" die Angst davor nehmen. Dafür lohnt es sich, die persönliche Perspektive von Dustin Kensrue zu verstehen.

Thrice waren nie eine ausgewiesen christliche Band, obwohl Religion für Kensrue einer der wichtigsten Aspekte seines Lebens ist. Immer floss das mit in seine Texte, doch Fans schätzen sein Talent, sie so zu formulieren, dass sie sich auf alle möglichen weltlichen Geschehnisse oder persönlichen Erlebnisse beziehen lassen. So ist es auch auf "Horizons/East", das ähnlich wie sein Vorgänger (2018) ein übergeordnetes Leitthema hat. Zwei hilfreiche Lektüreschlüssel dafür sind zum einen die gesellschaftliche Spaltung in der Trump-Ära - ob in Nordamerika oder bei uns: die politischen Fronten sind verhärtet durch Filterblasen und wenig Dialogbereitschaft. Zum anderen der Wandel von Kensrues Weltanschauung seit seiner Entdeckung der Prozesstheologie: Aus dem nebenberuflichen Pastor einer Megachurch, der die Bibel für unfehlbar hält, ist über die vergangenen Jahre ein weltoffener Christ geworden, der alternative Interpretationen von Gott in sein Leben lässt und das zu seiner Philosophie macht.

"My first and foremost memory is staring up in wonder at the wall/ It circumscribed the city, they said beyond it nothing dwelt at all", haucht er in den eröffnenden Zeilen von "The Color Of The Sky". "But I came to wonder if the stories all were true/ So one night I made my mind up, I resolved that I would find a passage through". Es herrscht gleich Aufbruchsstimmung, angefangen mit brodelnden Synthie-Arpeggios, die in hektische, galoppierende Rhythmen von Schlagzeuger Riley Breckenridge übergehen. Ähnlich wie auf "Palms" (die Hand) oder auf "The Alchemy Index" (die vier Elemente) schöpft Kensrue aus einer Wortwolke, die im Besonderen Begriffe wie "Auge", "Sonne", "Horizont", "Licht" und "Himmel" einschließt, und singt übers Zweifeln, Hinterfragen, Akzeptieren und Erkennen. Und über die, die das nicht zulassen, wie in "Summer Set Fire To The Rain" ("You just stood there waiting for the world to walk out on you"), eingeleitet vom Fugazi-ähnlichen Post-Hardcore, den Thrice auf "Beggars" lieferten, und gipfelnd in einem Schreifinale wie aus "Vheissu"-Zeiten. "Robot Soft Exorcism" ist die besonders gelungene Erzählung über den Mut zum Perspektivwechsel. Da spricht ein Mensch von der zerstörten Erde aus zum Piloten im Cockpit eines Kampfroboters, der die Verwüstung mitverantwortet: "There's another way to face the un-foreseen/ You don't have to stay inside of that machine". Dazu wandeln sich Synthbass und robotische Beats im Verlauf des Songs in ein organisches Klangbild.

Denn auch musikalisch erweitert die Band ihren Horizont: "Northern Lights" mit leicht verstimmtem Klavier ist beinahe Jazz, das Gitarrenriff soll sich an der Fibonacci-Folge orientieren. "The Dreamerhat" nervöse Spoken-Word-Elemente, "Scavengers" und "Dandelion Wine" stürmische Post-Rock-Parts. Der Closer "Unitive/East" könnte ein in einer Kathedrale aufgenommenes Klavierstück von Steve Reich sein. Er bereitet auf eine sichere Sache vor: Die Sonne wird untergehen - mit dem Nachfolgealbum "Horizons/West".

Leserbewertung: 10.4/12

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Kommentare (1)

Avatar von Radek Radek 19.09.2021 | 22:26

Weltklasse

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