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The War On Drugs - I Don't Live Here Anymore

I Don't Live Here Anymore
  • VÖ: 29.10.2021
  • Label: Atlantic/Warner
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 344 - Schönheit der Ausgabe

Zum ersten Mal lässt Adam Granduciel Stagnation im Heartland-Sound seiner War On Drugs zu. Es bekommt ihnen gut.

Nette Idee: Mit dem Songtitel "Harmonia's Dream" schickt der War On Drugs-Chef Grüße über den Atlantik, in Richtung der gleichnamigen Krautrock-Supergroup aus Neu!- und Cluster-Musikern, die Mitte der 70er einige beachtliche Alben aufgenommen hat. Beachtlich ist in dem Zusammenhang ebenfalls, dass Granduciels Fans diese Anspielung offenbar nicht mehr mehrheitlich verstehen; so jedenfalls erwähnt er es im Interview. Daraus spricht vor allem eins: Die inzwischen Grammy-prämierten Indie-Lieblinge War On Drugs sehen sich heute einem Publikum gegenüber, das sie nicht zwingend als Soloprojekt Granduciels kennengelernt hat. The War On Drugs, das war vor zehn Jahren noch Synonym für die oftmals verstiegenen Soundscapes und Tüfteleien Granduciels zwischen Psychedelic, Folk, Shoegaze und eben Krautrock à la Harmonia. Auch auf dem fünften War-On-Drugs-Album klingt all das an, es lässt sich nur wesentlich leichter überhören. In "I Don't Wanna Wait" sind es die pluckernden Synthies, in "Victim" der treibende Motorik-Beat, in "Harmonias' Dream" der emporkochende instrumentale Mittelteil, der nach dem Slow-Motion-Start mit "Living Proof" dem Album Beine macht. Mit Erfolg: Die Aufbruchstimmung, die The War On Drugs hier auf ihre patentierte Weise entfachen, trägt fast durch die gesamte restliche Spielzeit. Die nutzen Granduciel und Band vor allem für unverhohlene 80er-Zitate, von den Intro-Arpeggios in "Change" über die U2-Haftigkeit des Titelsongs bis zum pulsierenden "Victim", das man sich für den Abspann der nächsten Stranger Things-Episode wünscht. Neu ist diese Form der Retromanie bei War On Drugs nicht. Das Vorgängeralbum "A Deeper Understanding" (2017) zog seinen Titel ja nicht zufällig aus einem Kate Bush-Song und hat seinem Nachfolger auch sonst stilistisch den Weg geebnet. Mehr noch: "I Don't Live Here Anymore" ist das erste War On Drugs-Album, das Stagnation zum Ideal erklärt - weil sie der Band Raum lässt, ihren Sound zu perfektionieren. Die Betonung liegt dabei auf "Band": Es ist nicht länger nur die Handschrift des großen Wall-Of-Sound-Verfechters Granduciel, die man hier erkennt - auch die treibenden, manchmal fast überhasteten Beats von Charlie Hall, die Hakenschläge von Bassist David Hartley und Robbie Bennetts hocheffektiv eingestreute Orgel-Ornamente haben sich zu Trademarks der War On Drugs-Songs entwickelt. Vielleicht ist es vor diesem Hintergrund kein Zufall, dass das Foto des Plattencovers diesmal nur noch einen abgeschnittenen Granduciel zeigt.

Leserbewertung: 8.0/12

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