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0 Autor: André Boße / Anke Hügler

Low - Hey What

Hey What

Vier-Ohren-Test

"Hey What" ist nichts für schwache Nerven, aber für waghalsige Abenteurer. Es gibt die Träume, die realistisch beginnen und plötzlich in eine surreale Richtung abdrehen. Figuren tauchen auf, die in diesem Szenario nichts zu suchen haben. Sie kommunizieren mit einem Vokabular, das Sprache ähnelt, aber immer dann verzerrt, wenn es ums Verstehen geht. David Lynch hat solche Träume mit seiner Serie "Twin Peaks" ins Fernsehen gebracht. Low bringen sie auf Platte. "Hey What" heißt ihr zweites Album, das diese Form der Wirklichkeitsverschiebung bietet, die erste war 2018 unter dem Titel "Double Negative" erschienen. Noch brutaler zeigen Alan Sparhawk und Mimi Parker auf "Hey What", dass die Zerstörung des Status Quo nicht nur Teil solcher Träume ist, sondern unsere Leben bestimmt. Was eben noch harmonisch verlief (hier ausgedrückt durch die Folk-Gesänge des Ehepaars), verliert sich Sekunden später in den Splittern eines digitalen Chaos. Low zerschießen sich damit ihre großartigen Songs. Wer diese in pur sucht, findet sie auf den Alben eins bis elf der Slowcore-Veteranen. Auf "Hey What" geht's um andere Dinge, nämlich darum, im Surrealen nicht unterzugehen. Ein waghalsiger Kampf. Aber unfassbar aufregend.
10/12 André Bosse

"Hey What" signalisiert: Das hier ist Kunst. Doch nicht alles, was anstrengend ist, ist auch Avantgarde. "Der kreative Moment blickt nach vorn, mit Zähnen", verspricht der Pressetext zum neuen Album der Slowcore-Pioniere. Die Zahn-Assoziation lässt sich beim Hören gut nachempfinden, denn "Hey What" bohrt bis auf den Nerv. Dabei sind die Melodien wie immer schön – schön genug zumindest, um eine gewisse Fallhöhe für ihren Untergang in Rauschen, Wabern und leerem Scheinen sicherzustellen. Ein Effekt, der unbestreitbar für ein neues Bewusstsein sorgt – so wie es auch durch eine springende Platte entsteht. Einer solchen meint man im anderthalbminütigen Outro von "White Horses" zu lauschen, während der elektromonotonen Geduldsprobe von "I Can Wait" und den stattlichen 19 "Lala-la"-Wiederholungen in "All Night". Wenn das ein surreales Spiel ist, dann definitiv mehr im "Inland Empire"- als im "Twin Peaks"-Format. Wobei auch David Lynchs aktueller Film bekanntlich Fürsprecher findet, immerhin ist er nervenaufreibend und gibt sich alle Mühe, nicht verstanden zu werden. So gesehen ist vielleicht auch "Hey What" ein monströses Meisterwerk. Vielleicht ist die Nadel aber auch nur schon seit einer Dreiviertelstunde in der Endlosrille angekommen.
5/12 Anke Hügler

Leserbewertung: 10.0/12

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