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0 Autor: Ingo Scheel

Public Service Broadcasting - Bright Magic

Bright Magic
  • VÖ: 24.09.2021
  • Label: Pias/Rough Trade
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 343 - Schönheit der Ausgabe

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin: Den Londonern gelingt der nächste große Prog-Pop-Wurf.

Seit gut zehn Jahren verarbeiten Public Service Broadcasting nun schon inhaltlich geschlossene Themenkreise zu schlauen Konzeptalben. Dass Mastermind J. Willgoose, Esq. aussieht, als würde er zwischen Technikkolleg und Wissen macht Ah! pendeln, mit Cord-Jackett, Hornbrille und Fliege, darf nicht über eins hinwegtäuschen: Diese Band rockt. Als mit "People, Let's Dance" jüngst das erste Video zur neuen Platte kursierte, darin zu sehen eine Gruppe Rollschuh-Tänzerinnen, wurde jedoch klar: Dieses Mal wird es noch ein Stück körperbetonter und atmosphärischer. Nach Technik im All und Nostalgie in Wales taucht die Band diesmal, mittlerweile zum Quartett angewachsen, in die Kulturgeschichte Berlins ein. Das ist erst einmal ein Haufen Holz: Wo will man anfangen, wie legt man zeitlich den Schwerpunkt bei so einer Bandbreite an Themen? Public Service Broadcasting lösen das Problem mit einem charmanten Kniff: Zeitlich docken sie ihr Album bei Alfred Döblin an, dessen Erzählungen "Heitere Magie" (1948) den Titel liefern, mit den Hansa Studios als Aufnahmeort transzendiert man die Bowie-, Depeche Mode- und U2-Ära und mit Kooperationspartnern wie Andreya Casablanca (Gurr), Blixa Bargeld und Schauspielerin Nina Hoss ist die Berliner Postmoderne vielschichtig vertreten. Das alles könnte nun auch verkopfte L'art pour l'art sein, wäre da zum einen nicht das großartig gestaltete Artwork und – natürlich – diese wunderbare Musik. Der Sumpf ("Sinfonie der Großstadt") ist urbaner Ambient zum Auftakt, mit "Im Licht" gibt es einige der Trademark-Sounds von Public Service Broadcasting, schwebende Keyboard-Texturen und weite Melodiebögen etwa. "People, Let's Dance" ist Kosmische Musik 2.0, mit Vocoder, dicken Beats und Depeche-Mode-Zitat. In drei Parts unterteilt ist das Epos "Lichtspiel", Blixa Bargeld schließlich, Grand Seigneur der Berliner Industrial-Abteilung, verpasst dem Rhythmus der Maschinen erzählerische Grandezza. Während Hoss in "Ich und die Stadt" sehr cool Tucholsky zitiert, verbucht Casablanca mit "Blue Heaven", im Original von Marlene Dietrich, den wohl einnehmendsten Song dieses Albums. Zwischen fragil und forsch pendelnd, verquickt Casablanca die große Geste von Dietrich mit dem trotzigen Steh-auf-Gefühl der frühen NDW. Dass Public Service Broadcasting sich hier mit einem Beat der Marke Go auch noch gekonnt selbst zitieren, dabei dermaßen kratzig aufdrehen, ist ein weiterer Beweis für den solitären Status der Band und die Tatsache, dass Fliege um den Hals und Luftgitarre kein Widerspruch sind.

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